Dienstag, 22. September 2015

Alzheimer: Das unbekannte Vergessen



Grau in Grau scheint die Welt für Alzheimer-Betroffene zu sein. 


Alzheimer-Tag 21. September - immer ein Thema
Irgendwann holte es auch den Vater ein


Von Jürgen Weller

September 2015. Er war Ende 60, als uns auffiel, dass er sich an Orten, die er bis vor Kurzem jahrelang besucht hatte, nicht mehr so richtig zurechtfand. Eduard* (*alle Namen im Bericht geändert), Ehepartner, Vater und Opa, tat sich mit der Orientierung schwerer und musste auch bei Menschen außerhalb des wohnlichen Umfelds, die er Jahrzehnte lang kannte, öfter den Namen nachfragen. Es dauerte noch rund ein Jahr, bis er auch in der Wohnung nicht mehr bestimmt und geradlinig in die Zimmer ging. Mutter Erika half ihm. Vater wusste aber noch, die Haustreppe zu gehen und wo sein „angestammter“ Platz im Wohnzimmer auf der Couch war. Er war fahrig und faltete die Tischedecke an seinem Platz hin und her, sonst aber wirkte er zufrieden. Bis dahin funktionierte auch noch ein Teil seines Kopfes, seines Gehirns. Fragten wir nach seinem Geburtsdatum, kam es schnell: 13. Januar 1912. Aber die Krankheit, die Demenz, die Hirnvergesslichkeit, heute meist „Morbus Alzheimer“, also Alzheimer-Erkrankung, setzte sich durch. Keine medizinische Hilfe damals.

Als Eduard dem 70-Jährigen zuging, wurde klar, dass etwas mit seinem Gedächtnis nicht stimmte. Er bemühte sich zwar, aber es wurde immer weniger. An seinem Geburtstag erzählte er kaum etwas, obwohl er doch sonst gerne von alten Zeiten und über die aktuelle Politik sprach. Ob er die Menschen noch erkannte, die ihm zum Geburtstag gratulierten, wusste niemand zu sagen. Er freute sich, schüttelte die Hand, sagte aber keine Namen.
Oft noch saßen wir zusammen neben dem Plattenschrank und legten Chöre, Märsche und Walzer auf, die er auch nach dem 70. noch lange mitsummen konnte. Wir fuhren gemeinsam in Urlaub an frühere Ferienorte, an der er sich erinnern konnte, aber seine Worte wurden immer spärlicher. „Oh Papa“, mussten wir, Mutter, Kinder, Enkel dann sagen, die wir den geistigen Verfall miterlebten. Was hatte er für Geschichten, Erzählungen für seine Heimatzeitung zum Westerwald geschrieben wie „Die Kräuter-Kathrin“ oder „Der Geist aus der Steineberger Höhe“, die noch in der nächsten Generation bekannt waren. Wie kannte er als Postler die deutschlandweiten Verbindungen der Bahnpost und die vielen Orte aus dem Effeff, wie konnte er von seinen Kriegseinsätzen in Griechenland, von Kreta und den Riesenschildkröten erzählen und von den weiteren Wegen, wo ihm auch Menschen aus anderen Ländern, eigentlich „Kriegsgegner“ weitergeholfen hätten. Alles das verstummte mehr und mehr.

Zunehmender Verfall
Der normal gut große und kräftige Mann verfiel mehr und mehr. Essen machte schon lange keine Freude mehr. Aber er aß und trank wenigstens noch ein bisschen, magerte dennoch immer mehr ab. Der Hausarzt versuchte es einmal mit einer Spritze, die wohl die Hirndurchblutung oder sonstwas fördern sollte. Wir wissen heute nicht mehr, was es war. Als er dann nach dem Abholen aus dem Auto stieg, schien er verwirrter als zuvor zu sein. Das hielt auch den nächsten Tag noch an. Kurz, es hatte nichts gebracht! Eher im Gegenteil.
Irgendwann kam er mit einer Art Bronchitis ins Krankenhaus. Seit seinen Lazarett-Aufenthalten mit zig Splitter- und einer Einschussverwundung während der Kriegszeit und mit nachgehender Behandlung war er nie mehr in einem Krankenhaus. Nun aber stellten sie ihn dort „auf den Kopf“, was er im Prinzip nicht gewollt hätte, aber nun nicht mehr sagen konnte. Unser Bestreben dabei war, dass es ihm wieder besser ging. Man diagnostizierte schließlich Wasser in der Lunge. Das wurde mit einer Absaugspritze über den Rücken in die Lunge beseitigt. Atem- oder Luftprobleme hatte er allerdings noch nie, auch keine Herzprobleme. Nur wenige Jahre vorher hatte er noch lange Spaziergänge mit dem Enkel und Erika gemacht. Die vier Treppen im Wohnhaus ging er teils schneller als ich. In den letzten Monaten vor seinem Tod wollte er aber zwischendurch eine Pause machen. Ein paar Sekunden, - tief durchatmen.

Arztidee – Alkohol und Vormundschaft
Als er in diesem Krankenhaus liegt, bittet uns der wohl leitende Arzt ins „Chefzimmer“. Er erklärt uns: „Die Demenz scheint durch ein Alkoholproblem bedingt zu sein“. Was? Das war für uns mehr als erstaunlich. Wäre es nicht ernst gewesen: Es war zum Lachen. Deshalb klären wir den Ober-Doc auch gleich auf. Wie in den wieder besser laufenden Nachkriegsjahren bis in die 1960er-Jahre gab es alle paar Monate mal eine Geburtstags- sowie einmal im Jahr eine Karnevals- und Silvesterfeier. Neben ein paar Bieren wurde auch mal ein Schnaps, vorwiegend Wacholder, getrunken. Aber das war's. Zu Hause trank Papa abends zum Wochenende mal gemütlich ein, also ein!, Flaschenbier, und sonst nichts. Er ging auch nicht aus. Ein einziges Mal im Leben habe ich meinen Vater nach einer großen Feier mit Kollegen leicht betrunken gesehen. Sonst nie! In über 40 Jahren Ehe und über 30 Jahre täglichem Kontakt bekäme man das mit. Oder? Schließlich war er nach der Arbeit oder später nach Spaziergängen oder Spielen mit den Enkel immer zu Hause. Kurz, es war nicht und nie so. Schlicht Unsinn, irgendwann ausgedacht. Okay, zu der Zeit wusste man auch in Ärztekreisen vielleicht noch weniger über Alzheimer als heute. Wahrscheinlich war Anfang der 1970er das Alzheimer-Problem noch nicht so richtig durchgedrungen.
Der Arzt schockte uns aber erneut. Er eröffnete uns, dass er meinen Vater nicht mehr als geschäftsfähig ansehen könnte und eine Vormundschaft vorschlagen müsste. Jeder mag sich vorstellen, wie wir reagiert haben. Es kam dann nicht dazu. Generell fragen wir uns, wie es sein kann, dass in einer intakten Familie ein Vormund oder nach dem nun seit Jahrzehnten neueren Recht ein fremder Betreuer bestellt werden sollte?! Hat es sich da der Gesetzgeber einfach gemacht oder wollte er nur einen neuen Begriff, Betreuer statt Vormund, einführen? Unabhängig davon, dass so etwas in manchen Fällen vielleicht notwendig ist, wissen wir heute um die nicht immer einfache sondern teils problematische Abwicklung hinsichtlich Vermögensverwaltung und Wohnbesitzbestimmung. Ein schwieriges Feld, bei dem Angehörige immer genau schauen und wenn erforderlich Rechtswege ausschöpfen sollten!

Krankenhaus und Altersheim
Zurück zum Krankenaufenthalt. Vater fällt in eine Art Lethargie. Er isst und trinkt wenig, nimmt zusehends weiter ab und ist kaum ansprechbar. Er ist nur noch "Haut und Knochen". Schlimm. Wir wissen keinen Rat und rechnen mit dem Schlimmsten. Dann kommt eine Visite. Einer der Ärzte sagt: „Der Mann ist ausgetrocknet“. Das Problem kennen wir mittlerweile noch von manchen anderen Fällen aus nun „ganz modernen“ Zeiten. Der Arzt ordnete an, was zu tun ist. Nun musste man sich im Krankenhaus kümmern, und siehe da, der Demenz-Patient blühte im Rahmen der Möglichkeiten auf. Er war ansprechbar, erkannte uns und war zu einigen Worten fähig. Es war sehr gut, konnte aber die Krankheit nicht aufhalten. Er wurde schon bald entlassen. Als ich ihn abholte, stieg er alleine ins Auto. 
Nach ein paar Tagen zu Hause ging es aber erst einmal für wenige Wochen in ein Altenheim rund fünf Kilometer entfernt. Mutter musste unbedingt einmal zur Ruhe kommen, obwohl sie dann doch jeden Tag per Bus und Fußweg dort war. Vater war zum Teil im Bett und im Stuhl angegurtet „damit er nicht rausfällt“. Sein ganzes Gedächtnis hatte er nicht verloren, auch wenn er inzwischen kaum noch klare Worte sprechen konnte. Wenn wir kamen, lächelte er „über beide Ohren“. Er wusste, dass jetzt „seine Leute“ da waren. Natürlich holten wir ihn schnellstmöglich daraus. Nach Hause, in seine vertraute Umgebung. So, wie er sich freute, als er da war! Er wusste wohl, „zu Hause“ zu sein. Das war für alle schön.

Für einige Zeit noch „da“
Zu Hause saß er aber mehr oder weniger nur noch an „seinem Platz“ neben dem Wohnzimmertisch, guckte ein bisschen in den Fernseher, die Zeitung, die er früher Tag für Tag beflissen gelesen hatte, interessierte ihn nicht mehr. Unsere Namen konnte er nicht mehr sagen, aber er erkannte uns wohl bis zuletzt. Er war weiterhin unruhig mit seinen Händen, lief aber nicht herum und war stets ganz friedvoll. Ich war nahezu jeden Abend nach der Arbeit da, um Mutter zu helfen, wenn sie ihn zum Bettgang aus- und den Schlafanzug anzog. Ich hielt ihn dabei sanft von hinten über die Brust fest, damit er nicht umfiel. Weil er davor Angst zu haben schien, redete ich mich ihm „Papa, keine Sorge ich halte dich fest.“ Dann blieb er stehen und wartete, bis das Umziehen fertig war und wir ihn ins Bett brachten. Da war wohl noch so einiges bei ihm gespeichert.
Vater kam in dieser Zeit nicht mehr ins Krankenhaus und auch nichts ins Pflegeheim. Er war „bei uns“. Es gab keine besonderen Vorkommnisse, der Hausarzt kam nur regelmäßig zum Gucken. Eduard wird aber immer hinfälliger und irgendwann komplett bettlägerig. Es ereilt ihn das, was nach wie vor in vielen Fällen ein Problem ist, eine Lungenentzündung. Er atmete schneller, griff nachts immer wieder noch zu den Händen meiner Mutter und hielt sie fest. Auch in der Nacht, als es passierte, wie Mutter sagte. Er hörte auf zu atmen. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen.
Mich ereilte die Todesnachricht am frühen Vormittag auf der Arbeit. Es war kein Thema, dass ich direkt nach Hause konnte. „Sanft entschlafen“ sagt man, ich drückte noch die Hand meines Vaters. Danke für alles und die wunderschöne Kindheit - alles umwoben von tiefgehender Trauer.



Hinweis: Am 21. September ist Alzheimer-Tag. Je nach Quelle werden für Deutschland zwischen etwa 1,2 und 1,5 Millionen Erkrankte gemeldet. Diese Erkrankung macht danach wohl den größten Teil der Demenz.-Erkrankungen aus. Demenz steht für nachlassenden Verstand oder nicht mehr richtigen Verstand. Früher nutzte man bei alten Menschen den Begriff „Verkalkung“. Die Bezeichnung Alzheimer (Morbus Alzheimer) rührt vom Namen des deutschen Psychiaters Alzheimer her, der bei Patienten Veränderungen, Ablagerungen, im Gehirn erkannte. Vereinfacht ausgedrückt, funktioniert dadurch nicht mehr die notwendige Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und -bahnen. Das Gehirn verliert unter anderem die Fähigkeit, Wichtiges zu verbinden. Eventuell sind manche Hirnregionen weniger belastet. Musik, Melodien sind wie beim Vater zum Teil noch lange „da“, im Kopf.
Ob diese Ablagerungen alleine Schuld sind, ist ungewiss. Es gibt auch Untersuchungen, nach denen Menschen mit diesen Eiweiß- oder ähnlichen Ablagerungen nach wie vor geistig fit sind. Andererseits scheint es auch keine Rolle zu spielen, ob man bis vorm endgültigem Ausbruch der Krankheit geistig rege und fit war. Im Prinzip kann jeder betroffen werden. Es gibt in der Literatur zahlreiche Hinweise, auch zu möglichen oder gedachten Ursachen. Da sie nicht endlich geklärt sind, kann man nur von Vermutungen ausgehen. Schließlich sind Menschen mit völlig verschiedenen Lebensläufen hinsichtlich Ernährung, Aufwachsen, Bildung, sportlichen Aktivitäten, niedriger und hoher Geistesaktivitäten, übergewichtige und schlanke Menschen betroffen. Zum Teil beginnt die Krankheit heute auch schon Ende der 40er-Lebensjahre und schreitet voran. Mit zunehmendem Alter scheint Alzheimer vermehrt aufzutreten. Aber, zum Glück, sind längst nicht alle betroffen.
Die genauen Ursachen und Abläufe sind bis heute nicht richtig bekannt. Das ist auch der Grund, warum es zurzeit keine Arzneimittel gibt, mit denen die Krankheit geheilt werden kann. Im Frühstadium werden Medikamente eingesetzt, die den Verlauf verzögern sollen.
Für die Wissenschaft und Forschung gibt es diesbezüglich viel Arbeit, die Zusammenhänge erkennen und verstehen zu können und die richtigen Ansätze zu finden, die eine Therapie ermöglichen. Die derzeitige Situation ist so, dass weltweit mit einer steigenden Zahl von Erkrankungen gerechnet wird.
Wie bei einem Koma ist nach den hiesigen Erfahrungen auch gar nicht bekannt, was in Sachen Erinnerung, Erkennen, Regungen usw. noch ganz oder in Resten vorhanden ist, weil sich Betroffene meist nicht mehr oder nicht mehr richtig artikulieren können.
Betroffene bzw. deren Angehörige finden mehr auf den Seiten der Deutschen Alzheimergesellschaft

In vielen Orten gibt es Vereine oder Arbeitskreise zum Thema.  

Hinweis für Redaktionen: Zu Abdruck oder anderer Veröffentlichung des Artikels oder Teilen davon bitte erst bei uns anfragen (presseweller.de). Gerne stellen wir auch eine gekürzte Zusammenfassung oder ergänzende Texte zur Verfügung.  

Donnerstag, 23. Juli 2015

Betreuungsgeld für Eltern und das Urteil



Es war schon früher so: Kinder freuten sich, "bei Mama" und Papa  zu sein. So ist es wohl immer noch. Der Kleine hat gut lachen, weil er natürlich auch mit eineinhalb Jahren und bis über fünf Jahre zu Hause bei den Eltern und beim Bruder war. Die sitzen übrigens fröhlich gegenüber.  (Repro/Mont.: presseweller)

Schon immer schön: zu Hause „groß“ werden


Kommentar

23. Juli 2015. (dialogprw). Zu Hause, in der Familie bei Vater und Mutter und eventuellen Geschwistern, groß werden, so haben es viele sehr positiv vor und auch nach dem Krieg seit den 1950er- und bis in die 1970er-Jahre kennengelernt. Ein gutes Gefühl. Das vor wenigen Tagen ergangene Urteil der Bundesverfassungsrichter ist wie ein „Schlag ins Gesicht“ für diejenigen, die etwas sehr Wichtiges machen: ihre Kleinstkinder bis zum Alter von drei Jahren zu Hause selbst betreuen und vor allem „umsorgen“. Das ist immer noch etwas völlig anderes als in Kitas (Kindertagesstätten) oder bei Tagesmüttern, wenn sicher auch dort die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Bestes zum Wohl der Kleinen geben.

Meine Nachkriegsgeneration – und zum großen Teil auch die Folgegeneration - kennt das noch: Wir waren nicht nur bis zum Alter von drei Jahren, sondern darüber hinaus zu Hause. Die spätere Möglichkeit, in den Kindergarten zu gehen, wurde längst nicht von allen genutzt. Zu Hause gab es Schwester und/ oder Bruder, auf der Straße waren viele Kinder zum Spielen. Familiensinn hieß damals, dass vorwiegend die Mutter – in Ausnahmefällen – der Vater zu Hause war. Schwieriger war die Situation für Alleinerziehende. Das traditionelle für mich und viele andere optimale Familienbild wird vielleicht irgendwann noch einmal ein Vorbild sein. Nein, Geld gab es früher keines dafür. Es gab sogar Zeiten, da gab es noch nicht einmal Kindergeld! Es gab aber auch noch keine Kitas. Das Betreuungsgeld für die Eltern, die das Wichtigste machen, ihre Kinder zu Hause umsorgen, ist gut und ein kleiner und gerechter Ausgleich zu den überwiegend von der Allgemeinheit getragenen Kitakosten. Schließlich fällt im Endeffekt für den Steuerzahler einiges an. Das Betreuungsgeld ist eine Anerkennung für die Familien, in denen Mutter oder Vater die Betreuung übernehmen. Daher muss ich in diesem Fall, wie sicher viele andere, der CSU unbedingt beipflichten, obwohl ich mich sonst politisch neutral in Blogs und Co. verhalte.

Der Ball liegt bei den Ländern
Die Richter haben sich der Argumentation des Landes Hamburg angeschlossen. Danach wäre diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu Kindererziehung und Betreuungsgeld Ländersache. Rein verfassungsrechtlich wird es danach dann wohl so sein. Welche Instanz gäbe es jetzt noch, diese Rechtsauffassung prüfen zu lassen? Wenn das aber so ist, muss man sagen, dass es wohl "handwerkliche Fehler" bei der Gesetzgebung gab, die aber dennoch eine Mehrheit im Parlament gefunden hatte. Sofern es keine Einigung unter den derzeitigen Länderregierungen gibt, die sich zum großen Glück nach Wahlen immer wieder einmal verändern können, ist es denkbar, dass das Betreuungsgeld in vielen Ländern abgeschafft wird. Das Vertrauen auf Rechtssicherheit ist, in diesem Fall bei den betroffenen Familien, einmal mehr dahin!
SPD- und Rot-Grün-regierte Länder sehe ich bei der Abschaffung vorne, worauf bereits die Aussagen von Politikern wie aus NRW und Rheinland-Pfalz hindeuten. Man will das dann „freie Geld“ lieber in Kitas und Frühkinderbetreuung stecken. Ja, die klassische Familie wird immer öfter als „überkommene Lebensform“ dargestellt. Auch aus Unternehmerkreisen sieht mancher, dass die Mütter oder Väter erst einmal dem Arbeitsmarkt entzogen wären. Dazu muss man sich andererseits die Zahl der vielen Langzeitsarbeitslosen, jugendlicher Arbeitsloser, an Minijobs und der Beschäftigten mit Zeitverträgen anschauen. Wie es aussieht, wird zumindest Bayern, dieses Land, das wirtschaftlich und neben aller Moderne in vielen tradierten Dingen weit vorne liegt, diese Regelung meiner derzeitigen Auffassung nach beibehalten. Das ist sehr zu hoffen. Vielleicht greifen einige andere Länder auch auf dieses Modell für Familien zurück. Und Nachhilfe von Politikern anderer Länder braucht Bayern gewiss nicht!

Fehlargumentation und Zukunft
Immer wieder ist dann von "geneigten Kreisen" auch die Argumentation zu hören,wie wichtig, durch Besuche von Kitas, Kindergärten gestärkt, die frühkindliche Bildung heute wäre. Kinder brauchen einige Jahre, um selbst ihre Umgebung zu entdecken, sich dies und das durch erste eigene Erfahrungen anzueignen, ins Leben zu finden. So wie ich es kenne, hatten zu meiner Zeit und später viele Kinder bei der Einschulung bereits erste Kenntnisse im Lesen und Schreiben. Zu Hause unter der Betreuung von Vater und Mutter angeeignet. Merkwürdig in diesem Zusammenhang: Gerade seitens der Wirtschaft werden seit Jahren, also in der "Neuzeit", auf wichtigen Gebieten "mangelnde Kenntnisse" der Azubis beklagt. Wo mag denn wohl da nun das Problem liegen? 

Der Zukunftsblick in Sachen Kita und auch solchen neuen Überlegungen nach - mit Nächtigungsmöglichkeiten für die Kleinen - könnte so aussehen, dass der Weg nicht weit dahin ist, irgendwann Babys bereits kurze Zeit nach der Geburt in solche Einrichtungen zu geben. Ob das eine schöne Zukunft ist, sei einmal dahingestellt. 

Damit keine Missverständnisse aufkommen. Sicher haben Kitas und Kindergärten ihre Berechtigung. Sie sind besonders für Alleinerziehende eine große Hilfe und für diejenigen Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, aus Spaß, oder weil das Einkommen von einem Elternteil nicht ausreicht. Dazu könnte man sich - vor allem auch die Politik und Wirtschaft - auch nochmals Gedanken machen.  

Mal sehen, wie das Betreuungsgeld-Problem gelöst wird, wie Eltern, die so etwas Wichtiges machen, wie ihre Kleinstkinder zu betreuen, wieder Rechtssicherheit bekommen.          J. Weller

Donnerstag, 13. November 2014

Die Energie(spar)-Bürokratie


Detaillierte Angaben für Autos und inzwischen auch für Häuser


Kommentar


November 2014. (Dialog/jw). Wenn es um Energiefragen geht, ist man rege in der EU und in einigen Ländern wie in Deutschland. Über Glühlampen und vieles andere hinaus, geht es auch um Beschreibungspflichten wie schon länger bei Autos und seit 1. Mai 2014 auch bei Gebäuden. Die allgegenwärtige Bürokratie bürdet den Firmen und Bürgern immer mehr Pflichten auf, wobei in diesen Fällen alles von den Stichwörtern „CO2-Minderung“ und „geringerer Energieverbrauch“ umjackt ist, darüber der Mantel „Umwelt“.
Beim Auto: Es ist noch hinzunehmen, dass in Prospekten und eventuell noch in Werbeanzeigen die Verbrauchsdaten incl. CO2-Wert in Gramm pro Kilometer für ein Beispiel-Modell angegeben sind. Wenn das dann noch in Pressemeldungen und anderem passieren muss, in denen seitens des Herstellers oder Importeurs in einem allgemeinen Kontext nur ein Fahrzeug erwähnt wird, dann ist das schon eher merkwürdig. Ohnehin weiß jeder, dass die nach EU-Vorgabe ermittelten Verbrauchswerte nur theoretischen Wert haben, in der Praxis anders aussehen, ganz abgesehen davon, dass jeder einen anderen Fahrstil hat. Zumindest bieten die Theoriewerte – wie längst schon vor diesen verpflichtenden Angaben – zumindest eine erste Vergleichsmöglichkeit.
Bei Gebäuden: Da begann das Dilemna bereits vor Jahren mit der Einführung des so genannten „Energieausweises“. Der Verbrauchsausweis richtet sich nach dem tatsächlichen Verbrauch an beispielsweise Öl oder Gas, der weit aufwändigere und teurere Bedarfsausweis bezieht zahlreiche Faktoren ein und soll daher „besser“ bzw. genauer sein. Das ändert zweifellos nichts daran, ob, hier in Heizöl dargestellt, ein Haushalt im Jahr 800 oder 1400 Liter verbraucht. Mal noch ist Heizen individuell – wie das Autofahren. Vielleicht könnte den Energiesparbeflissenen, „Agenturen“ und der EU auch einfallen, die maximale Raumtemperatur für einzelne Räume festzulegen, stichprobenartige Kontrollen eingeschlossen. Bei klassischen Einraumöfen, in denen Festbrennstoffe verfeuert werden, gibt es das ja schon. Auch hier steht für manche nach Ablauf der Karenzzeit Aufgabe oder Änderungspflicht an. Kostet den Bürger auch wieder Geld.
Am schärfsten ist, dass seit 1. Mai 2014 Energiekenndaten aus dem Energieausweis, soweit vorhanden, auch in Vermietungs- und Verkaufsanzeigen genannt werden müssen. Der Ausweis weist ja einen Punkt zwischen der Grün- und Rotkennzeichnung aus. Anzugeben ist unter anderem auch der Energieträger. Ist kein Witz, kann bei Zuwiderhandlung ab Mai nächsten Jahres sogar als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Je nach Gebäude – bei öffentlichen – schon länger, müssen die Angaben über den Energieverbrauch sogar gebäudebezogen aushängen. Wer bitte, schaut sich das an und wer interessiert sich - abgesehen von einigen Freaks, die das wissen wollen – dafür und wozu soll es dienen?
Alle Maßnahmen bedingen zusätzliche Kosten für Firmen und Bürger. Der bezahlte Anzeigenraum wird größer und damit teurer, der Energieausweis kostet ebenfalls mehr als nur ein „paar Euro“. Aber die EU und manche andere in Behörden damit Befasste haben zusätzliche Aufgaben.
In diesem Zusammenhang: Hausdämmungen von Fassade bis Dach, Materialien und Fenster, Solaranlagen zur Warmwassererwärmung, die Einsparungen und die Jahre bis zur Amortisation sind wieder ein anderes Thema.

Anscheinend denken so einige, das Klima und den alle Jahrtausende, teils sogar alle Jahrhunderte statftindenden Wandel des Welt- und Naturklimas aufhalten oder ändern zu können. 

Dienstag, 2. September 2014

Was für eine "Kriegswelt"

Beschämend nach den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts

Waffen gegeneinander statt Gespräche miteinander


September 2014. Siegen (Dialog/jw). Die Fernsehnachrichten sowie die Zeitungstitel- und -politikseiten beschäftigen sich bereits viele Monate mit den Themen "kriegerische Auseinandersetzungen, Krieg und Unruhen". Und das vom nahen Osten über Osteuropa bis zu Afrika und Asien. Das alles passiert, mal unabhängig davon, dass manche Konflikte bereits länger anhalten, in dem Jahr, in dem man in vielen Ländern an den Beginn des 1. Welkriegs erinnert. Wohl der erste Krieg, der mit schon moderneren und vernichtenden Waffen geführt wurde, Abermillionen Menschen das Leben gekostet hat und in den sich Staat um Staat verwickeln ließen - ein weltweiter Flächenbrand.

Kriege und Unruhen, wohin man schaut. Da geht es  um inner-nationale Fragen zu Eigenständigkeit und Autonomie, zu Grenzverletzungen und Anerkennung einer eigenen Staatsgründung, um Gebietsansprüche, extrimistische Ansichten zu Religionszugehörigkeiten, um wirtschaftliche Macht,  Bodenschätze, Ressourcen und mehr. Betroffen sind ja nicht nur zwei betroffene Lager, sondern  ganze Bündnisse und politische Interessenlagen.

Was denn gelernt?

Wenn wir nun an den 1. Weltkrieg 1914 bis 1918 denken, war der schlimm genug, aber es folgte 1939 bis 1945 der 2. Weltkrieg, der noch weitaus schlimmere Ausmaße hatte. Dann kommt in Reden, Kommentaren, Beiträgen häufig der Satz auf "Wir haben aus diesen Kriegen gelernt. Nie wieder Krieg!" Wo denn, wie denn? Sicher,Westeuropa hat nun glücklicherweise eine lange Friedenszeit, was auch darauf zurückzuführen ist, dass man sich gegenseitig verständigt hat und Verständnis für die Unterschiede  der jeweiligen Völker und Staatswesen hatte. Eine nicht unwichtige Rolle wird ebenfalls die wirtschaftliche Prosperität gehabt haben. Aber darüber hinaus? Nennen wir nur einmal Vietnam, Jugoslawien, Irak, Afghanistan - nun aber "brennt" es noch in vielen Ländern mehr.
Es "sprechen" aufeinander gerichtete Waffen statt Menschen miteinander. Machtbestrebungen dominieren. Durchaus, auch wenn es hier kein Prä für diese oder jene Politart geben soll, muss ich sagen, dass es in der deutschen Politik eine gewisse Zurückhaltung gibt und man auch in solchen Krisen eher auf gemeinsames Reden setzt, die Welt der Diplomatie. Minister Steinmeier und Kanzlerin Merkel scheinen hier ein gutes Gespann zu sein. Das alles ist nicht einfach, zumal man es zum Teil auch mit Fanatikern zu tun hat.
Mit den weltweiten Konflikten ist die derzeitige Situation angesichts der großen zwei Weltkriege beschämend. Vielleicht hat man ja hier und da ein bisschen gelernt - aber alle Zeiten sind wieder anders. Es geht um Territorialansprüche, um Öl und andere wichtige Ressourcen, mehr und mehr um seltene Erden und Wasser, um Kapitalinteressen, um Macht- und Vormachtansprüche, um die Selbstbestimmung der Völker. Es ist aber auch klar: Selbst bei einem versuchten Angriff kann man noch verhandeln, ansonsten muss man sich aber, wie im eigenen Leben, irgendwie wehren!

Zu wünschen ist, dass jetzt und zukünftig statt mit Waffen mehr mit Reden und Ausgleich sowie der Berücksichtigung berechtigter Interessen  erreicht werden kann. Wie man zurzeit sieht, ist das aber lediglich eine Hoffnung. Zu hoffen wäre es für alle Menschen in allen Ländern, aber auch für unsere Söhne, Enkel, Brüder und Väter, dass sie nicht einmal in irgendeinen Krieg ziehen müssen, und für die Töchter, Enkelinnen und Mütter - und generell alle -, dass sie nicht damit und mit Gewalt für eigenes Wohl und Leben konfrontiert werden. Das hatten wir schon in zwei Weltkriegen und jetzt an vielen Stellen der Welt.
Wenn es auch nicht so sehr realistisch klingt: Hoffnung darf und muss sein, um etwas Besseres zu erreichen, wenn sich wohl auch vieles Drumherum trotz der Lehren der Vergangenheit nur wenig ändern wird.

Auf der Seite http://www.presseweller.de ist ein kurzer Bericht zur Gebirgsfront in den südlichen Kalkalpen an den Grenzen zu Italien - Karnische Alpen und Soca-Tal (Isonzo) aufrufbar, und zwar mit Hinweis auf die Weltkriegs-Museen in Kötschach-Mauthen (Kärnten) und Kobarid (Slowenien).

Freitag, 4. Januar 2013

Überbordende Bürokratie


Vom Führerschein bis zur Rente: alles kompliziert

Januar 2013. (Dialog). Den normalen PKW-Führerschein machen und auch Fahrzeuge bis zu 7,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht fahren? Nein, durch EU-Führerschein schon längst eingeschränkt. Einen Rentenantrag stellen? Okay, aber weit über 20 Seiten ausfüllen. Jeder bekommt es täglich mit: Statt weniger Bürokratie gibt es ständig neue Hürden. Bürokratie ist schon längst überbordend, und geändert, also verbessert, hat sich so gut wie nichts.

In Sachen Bürokratie rührt so manches aus der Zentralinstitution EU. Das beginnt beim Energieausweis, den man, wofür auch immer, in bestimmten Fällen, für Gebäude erstellen lassen muss. Zum Teil muss er in öffentlichen Gebäuden sogar aushängen. Liest das jemand? Aber danach fragt Bürokratie nicht.
Hatten die Bundesbürger es mit den alten Führerscheinen nach Nummern wie Klasse I und weiter noch leicht, gibt es inzwischen ein Wirrwar an Klassen. Das war aber vielen schon klar, als es vor Jahren hieß, es kämen EU-Führerscheine. EU und Bürokratie: ein Fall für sich. Eine Beschränkung auf wichtige Aufgaben und damit eine radikale Verkleinerung der teuren Behördenapparate könnte ein Anfang sein. Mit den zig Führerscheinklassen, ob zur Fahrberechtigung von Fahrzeugen mit oder ohne Anhänger oder bis zu 3,5 oder 7,5 Tonnen, gab und gibt es viel Verunsicherung. Gerade auch Feuerwehren haben ihre Probleme damit. Das alte deutsche System war bewährt. Warum hat man es nicht gelassen oder übernommen?  Nun kommen auch noch Fristen. Bestandsgarantien für alte „Lappen“ laufen spätestens in den 2030er-Jahren aus. Hieß es nicht erst, es gäbe diesbezüglich keine Änderungen? Statt nach 15 Jahren ein Bild auszutauschen, muss es nun neu alle 15 Jahre ein neuer Führerschein sein – gegen Verwaltungsgebühr.
Aber auch in Deutschland liegt vieles im Argen. Statt der Fernseh- und Rundfunkgebühr gibt es nun die „Zwangs“-Steuer, weil jeder Haushalt, ob er ein Gerät hat oder nicht, zahlen muss. Bei Firmen kann das einiges mehr ausmachen. Das öffentlich-rechtliche Rundfunk/TV-Wesen, das sich im Fernsehbereich unrichtigerweise mit „Free-TV“ bezeichnet, hat unbestritten seine guten Seiten. Andererseits zahlen auch alle mit, wenn Showgrößen abgeworben und ihnen dicke Honorare gezahlt und riesige Sportdeals gemacht werden. Im Rundfunk beschränkt man sich schon lange nicht auf ein oder zwei Programme, es müssen teils gleich fünf sein. Gehälter und Altersversorgung sowie allgemeine Honorare sollen hier einmal außen vor bleiben.

Formulare ohne Ende

Das überbordende Formularwesen kennt man nicht nur von den Steuererklärungen. Es holt einen spätestens beim Rentenantrag wieder ein, selbst, wenn vorher bereits ein so genanntes Kontenklärungsverfahren durchgeführt wurde. Nicht nur der Antrag selbst: Es müssen auch noch alle möglichen Zusatzformulare ausgefüllt werden. Und das zu Daten, die der Renten- und der jeweiligen Krankenkasse anhand der Versicherungsnummern ohnehin vorliegen. So kommt der Rentenantragssteller locker auf weit über 20 Seiten, die es auszufüllen gilt. Genügen würden wahrscheinlich zwei Seiten: Gibt es etwas, was in Ihrem Lebenslauf renten- oder krankenversicherungsrelevant, nicht berücksichtigt wurde? Bitte Art und Zeit angeben. Und: Auf welches Konto soll die Rente überwiesen werden? Bitte angeben. Okay, das ist etwas vereinfacht dargestellt. Aber so ähnlich könnte es sein. Es würden viel Papier und Arbeit gespart. 
Aber mit der Bürokratie ist man nun einmal nahezu ein Leben lang konfrontiert. Wie heißt es immer: „Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare“. Weniger könnte mehr, gleich – viel –
besser,  sein. (jw)

Freitag, 28. September 2012

Verschulte Kinder

Ganztagsschule, lange Schulzeit, Schließung der wichtigen örtlichen Grundschulen und Zusammenführung per Bus zu der nächst gelegeneren größeren Schule, Wirrwarr bei den Schulsystemen, Mengenlehre und Ganzheits-Lesesystem: Durchblick hat niemand mehr, und was da die Politik in den vergangen Jahrzehnten und heute noch auf dem Rücken der Kinder austrägt, ist alle andere als erfreulich.
Da sträuben sich die Haare, wenn Kinder spätnachmittags aus den Schulen strömen. Wer nah dabei ist, hat es gut. Wer weiter weg wohnt, muss nun noch mit dem Bus fahren. Kommt noch später nach Hause. Veröffentlichte Untersuchungen zeigen es, Kinder und Jugendliche haben oft mehr als einen Achtstunden-Tag. Eine schlimme Entwicklung, die anscheinend nicht zu besserer Bildung geführt hat. Es gibt immer wieder neue Experimente.
So will man beispielsweise im Siegerland seitens der Verwaltung kleine Schulen an Orten wie unter anderem Obersdorf und Anzhausen schließen und dann alle zusammen im Zentralort Wilnsdorf unterrichten, also mit Bussen über viele Kilometer hin- und herkarren.Wie seit Jahren oft üblich, ist die Meinung der Betroffenen kaum gefragt: Politik und Behörden entscheiden und bringen als Argument dann hervor, dass es so kostengünstiger und besser sei.
Wenn man bedenkt, dass wir früher aus der Volksschule, der Realschule und dem Gymnasium mittags zu Hause waren, wo es dann auch Mittagessen gab, ist die Entwicklung abstrus. Lange bevor die Kinder heute nach Hause kommen, hatten wir unsere Schulaufgaben erledigt und waren mit anderen Kindern auf der Straße und haben gespielt. Und wenn es dunkel wurde, waren wir zu Hause, bei Vater und Mutter. Das macht Kinderleben aus, das alles gehört zur Entwicklung von Kindern und junger Menschen.
Man muss auch einmal auf die Ergebnisse schauen: In acht Jahren Volksschule hatte man ein grundlegendes Allgemeinwissen, weil es neben Rechnen und Schreiben - Rechtschreibung oft besser als heute - auch Heimatkunde und später  Erdkunde, umfangreiches Basiswissen in Geschichte und Naturkunde, einschließlich gewisser physikalischer und chemischer Vorgänge gab. Wir wussten, wo die Sieg entsprang und wo der Rhein fließt, dass Freudenberg zum Siegerland gehört und Königsberg in Ostpreußen liegt.
Und man muss sich einmal anschauen, was aus vielen dieser Menschen geworden ist, die Volks-, Realschul- oder Abiturabschluss hatten: Viele haben mit Engagement in Betrieben oder Verwaltungen Karriere gemacht, wie gerade bei Audi wieder am Beispiel von Menschen mit langjähriger Betriebszugehörigkeit deutlich wurde, manche sind Lehrer und wieder andere sogar Professoren geworden. Ja, das zeigt: Früher war die Schulausbildung, die eben jeden Tag mittags fertig war, einfach nur gut. Es müsste mal Schluss sein mit Experimenten und Kostenüberlegungen, letztlich  zulasten der Schulkinder. Ich bin so froh und dankbar, in den 50ern meine Schullaufbahn begonnen zu haben.
Es ist kaum zu erwarten, aber vielleicht kommt ja noch einmal eine Einsicht von Politikern, Behörden, den Experten aus Hochschulen und Institutionen, einen richtigen Weg zu finden. Vielleicht müsste man einfach mal nur zurückschauen.

Freitag, 13. Januar 2012

Ordentliches Arbeitseinkommen

13. Januar 2012. Die deutsche Gesellschaft hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erheblich gewandelt. Die Quasi-Freigabe des weltweiten Handels und der Finanzmärkte, Stichwort Globalisierung, hat längst nicht nur Gutes gebracht. Das Großkapital und Spekulanten scheinen mehr Einfluss auf die Handlungsfähigkeit von Staaten zu haben, als die jeweiligen Regierungen, die, so zeigt es die Finanzkrise, oft in Zugzwang sind. Den "Armuts-Berichten" nach steigt wohl die Zahl derer, die der Definition nach "arm" sind, die Schere zwischen Arm und Reich scheint sich zugunsten der Reicheren weiter zu öffnen.

Einen Einschnitt mag die so genannte Hartz IV-Regelung gebracht haben, nach der Arbeitslose nach relativ kurzer Zeit trotz langjähriger Einzahlung in die Kasse der Arbeitslosenversicherung zu Empfängern des "Arbeitslosengeldes 2" werden, also auf Leistungen nach - im gängigen Sprachgebrauch - Hartz IV angewiesen sind. Das bedeutet auch, dass angespartes Vermögen oberhalb der für heutige Verhältnisse geringen Freibeträge eingesetzt beziehungsweise erst aufgezehrt werden muss. Positiv ist, dass neben den knappen Grundzahlungen auch Miete und Nebenkosten gezahlt werden. Auch darum wie um vieles andere muss aber teilweise erst gerichtlich gestritten werden, weil die Vor-Ort-Bürokratie hier und da andere Auslegungen beansprucht. Dennoch, so lauten zurzeit die Meldungen, sei die Quote der gerichtsanhängigen Verfahren erstmals leicht gesunken. Zweierlei wäre hier zu tun: 1. rechtlich völlig eindeutige Vorgaben, die den Behörden vor Ort keinen Spielraum lassen; 2. wieder viel längere Zeiten für den normalen Arbeitslosengeldbezug.
Mit Hartz IV verbunden ist ebenfalls das Thema der so genannten Aufstocker. Tatsächlich ist es möglich, dass Arbeitnehmer, die ihre volle Stundenzahl - und oft noch weit darüber hinaus - erbringen, vom Arbeitseinkommen nicht leben können. Niedrige Stundenlöhne und die nach der Euroeinführung von vielen als sehr hoch empfundenen Kosten für den gesamten Lebensunterhalt sind die Ursachen. Viele sehen es mit dem Euro so: Einkommen, einschließlich Renten, quasi halbiert und im Laufe der Jahre gering gestiegen, Preise schneller gestiegen oder sogar schon längst auf D-Mark-Niveau. Bei vielen "normalen" Menschen - nicht nur in Deutschland - ist der Euro daher bisher nicht als "Freund" angekommen.
Niedriglöhne gab und gibt es nicht nur bei der Arbeitnehmerüberlassung, der Zeitarbeit, die sich längst nicht mehr auf Saisonzeiten und Zeiten von Produktionsspitzen und kurzfristigem Mitarbeiterausfall beschränken muss, wie ehemals angedacht. Wie auch bei bei der Arbeitsvertrag-Befristung hat die Politik hier bereits seit Jahren Tür und Tor geöffnet. Es gibt aber eben auch verschiedene Branchen, in denen wenig, auch sehr wenig, gezahlt wird. Die Gesellschaft unterstützt im Endeffekt nicht die betroffenen Arbeitnehmer, die ihr minimales Einkommen durch Hartz IV-Leistungen aufstocken müssen, sondern alle Arbeitgeber, die solche Niedriglöhne zahlen. Das zeigt wie in vielen anderen Fällen den Verfall der Werte und ethischer Ansprüche: Wer den ganzen Tag arbeitet, muss auch davon leben können! Zu diesem Werteverfall zählen ebenfalls die immer noch häufig gängigen Praktika für die keinerlei Entgelt gezahlt wird, die relativ langen möglichen Probezeiten und, wie vor, die zeitlich befristeten Arbeitsverträge.
Ein Mindestlohn, wie ihn mehrere andere Länder bereits haben, ist dringend notwendig. Dabei von 8,50 Euro pro Stunde zu reden, wird überholt sein. Bei einem durchschnittlichen Monat mit um die 170 Stunden sind das 1.445 Euro. Mit Sozialversicherungsabgaben und wenn auch geringer Steuer bleibt ein Nettobetrag von je nach Familienstand von um die 1.100 Euro. Einen Großteil davon schlucken Miete, auch wenn man sich größenmäßig einschränkt, und die hohen Wohnnebenkosten. Bei den heutigen Gesamtlebenskosten wäre eher an einen Mindestlohn von 10,50 Euro oder mehr zu denken.
Man darf gespannt sein, wie die Entwicklung weitergeht. (presseweller)