Mittwoch, 22. Mai 2019

Wir brauchten früher keine Papp- oder Plastikbecher und „Kaffee To Go“

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Gern trinken wir unseren Kaffee früher wie heute gemütlich im Sitzen. (Foto (c) 2019 presseweller)


Mai 2019. Wie wir im Fernsehen sehen und hören, ist die Welt voller Papp- und Plastikbecher – von Milliarden wird geredet. Das soll nicht gut für die Umwelt sein, weil die Dinger überall rumliegen und entsorgt werden müssen. Außerdem müssen die Becher produziert werden, ob aus Plastik oder Pappe.Die Leute reden von „Kaffee To Go“, also Kaffee (trinken) beim Gehen. Früher brauchten wir so etwas nicht und vor 20 Jahren und bis heute auch noch nicht.

Statt gemütlich eine Tasse Kaffee zum Frühstück, nachmittags oder auf der Arbeit in der Pause zu trinken, machen das viele jetzt unterwegs. Sie haben es vielleicht eilig. Aber warum? Ja, die Zeiten sind „schnelllebig“, aber Zeit kann man sich trotzdem nehmen.
Als Kinder waren wir es gewohnt, zu Hause zu frühstücken, mittags zu essen und abends. Manches Mal auch noch nachmittags ein Brot mit Marmelade. Alles Geschirr wird gewaschen und das nächste Mal sowie oft über zig Jahre wieder verwendet. Wenn wir zum Fußballspielen gingen, bekamen wir eine Flasche mit Milch oder Wasser mit oder ein Gemisch aus Wasser, Essig und Zucker. Schmeckte gut. Das tranken wir aber nicht unterwegs, sondern bei einer Pause, wenn wir auf der Wiese oder Mauer saßen. Die leere Flasche nahmen wir wieder mit nach Hause, statt sie irgendwo abzulegen. Nur ab und zu, wenn wir einmal eine Mark in der Tasche hatten, gingen wir zum Geschäft, kauften eine Cola und ein Brötchen und tranken und aßen das auf der Treppe vor dem Geschäft. Auf die Idee, das beim Gehen oder Laufen zu machen, kamen wir erst gar nicht. Klar, die leere Flasche gaben wir wieder ab oder nahmen sie mit nach Hause. 

Auf der Arbeit
Als wir zur Arbeit mussten, gingen wir zu Fuß – weil die Arbeitsplätze damals noch oft in der Nähe waren – , fuhren mit dem Bus oder Fahrrad. Wir hatten zu Hause gefrühstückt und aßen und tranken in den Pausen. Wieder daheim, gab es bald Abendessen. Es hat also insofern an nichts gefehlt. Das hat bis weit in die Zweitausender Jahre und bis jetzt bei uns so angehalten. Wir finden es weitaus gemütlicher, an einem festen Ort zu essen und zu trinken, als beim Gehen. Deshalb brauchen wir auch keine Plastik- oder Pappbecher. Manche mögen es anders sehen. Es ist eben wie bei vielen Dingen so: Modern ist längst nicht immer auch besser. (Georg Hainer)

*Hinweis für Siegerländer, die an Mundart interessiert sind: Auf dem Blog "Seejerlänner" gibt es die Geschichte auch in Sejerlänner Platt":  http://siegerland-blog-juwel.blogspot.com/2019/05/mr-bruchden-kenn-bappbechr-un-kaffee-to.html

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Donnerstag, 9. August 2018

Frühe Heirat damals: Waren wir doof? Nein!

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Man kommt sich oft schon in jungen Jahren näher. Da ist Zuneigung im Spiel. (Bilder, Repros: (c) presseweller/ wellSi-made)

Seit den 1970er-Jahren hat sich viel verändert – weniger Eheschließungen, mehr Scheidungen


August 2018. (DiaPrw). In den 1950er- und 1960er-Jahren herangewachsen ans und ins Volljährigkeitsalter (früher 21, heute 18 Jahre), erlebten wir eine Kindheit und Jugend, die schon allein in jeder Wohnstraße vom gemeinsamen Spiel von Mädchen und Jungen bestimmt war. Es wurden eben noch weit mehr Kinder geboren als heute. Das gemeinsame Erleben setzte sich in der Volksschule und anderen Schulformen fort, sofern es keine Geschlechtertrennung gab, und im Konfirmations- und Kommunionsunterricht. Durch die Schule, Freizeiten, Gruppentreffen sowie gemeinsamen Sonntagsnachmittags-Kaffee-Kuchenrunden, Feiern und Ausflüge mit befreundeten Familien lernten wir auch andere Kinder und, später in der Ausbildung, Jugendliche kennen. Wenn sich die Gelegenheit bot und man sich sympathisch fand, „bändelte“ man bereits in der frühen Jugend an. War der Funke intensiver übergesprungen und hatte beiderseits ein innerliches Feuer ausgelöst, kamen schon bald Einzeltreffen und etwas später die Überlegungen zu einem fortan gemeinsamen Leben. Da waren wir nicht blauäugig, sondern da spielten die Geheimnisse des Lebens mal wieder eine Hauptrolle. Viele heirateten nach beruflichem oder schulischem Ausbildungsende bereits im Alter zwischen etwa 18 – mit zwingender Erlaubnis der Eltern – und rund 25 Jahren.

„Zusammen durchs Leben gehen“, das war der Wunsch, und zwar unabhängig davon, dass wir in den eigenen Familien ein gutes und fürsorgliches Zuhause hatten. Bis zur Heirat lebte ohnehin jeder noch bei seinen Eltern. So wie bei uns, gingen die „festen“ Freundinnen und Freunde nicht mehr alleine aus, sondern als Pärchen. Man kannte sich ohnehin aus dem Wohngebiet oder lernte den Partner oder die Partnerin des Freundes oder der Freundin kennen. Und wir hatten immer viel Spaß. In Siegen gab es zum Beispiel „Tanz für die Jugend“ in einem Saal der Siegerlandhalle. Nach und nach eröffneten Diskotheken, in den wir uns von angesagter Musik unterhalten ließen und tanzten, was gerade aktuell war. Bei den älteren Brüdern war es der Rock‘ n‘ Roll, bei uns schon der Twist.

Früh gefreit, nicht bereut: Hochzeit damals
Dem Motto „Drum prüfe, wer sich ewig bindet ...“ nach lief die Beziehung nicht bereits nach ein paar Wochen, sondern nach Monaten und oft Jahren Richtung Heirat. Davor aber stand die Verlobung mit Feier. In unserem Umfeld waren die jungen Männer 21 bis etwa 24, die jungen Frauen um die 20. Ein Freund, etwas jünger als ich, heiratete zuerst. Wir selbst waren 22 und 20 zur Hochzeit, ein anderer Freund, ein Jahr älter, heiratete das Jahr danach. Die Freunde, die studierten, folgten etwas später. Laut der Webseite statista.com nach- wie alle folgenden Daten – lag das Durchschnittsalter im Jahr 2016 bei 31,5 Jahren, Männer 34 Jahre. In diesem Alter hatten wir bereits einen Teil des gemeinsamen Lebens genossen, und unser Kind war schon 13. Wie schön!

Kirchliche Trauung
Da zur „Familiengründung“ damals für viele ein Kind gehörte, kam meist ein bis zwei Jahre nach der Hochzeit der Nachwuchs. Manche bekamen mehrere Kinder. Im Jahr 1970 wurden in Deutschland pro Jahr noch über 575.000 Ehen geschlossen, 2017 waren es – nach leicht steigender Tendenz aus den Vorjahren – noch knapp 407.500 in Gesamtdeutschland.


An die kirchliche Trauung schloss sich die Hochzeitsfeier an. 


Da alle in unserem Umfeld früher einer Kirche angehörten, war neben der schnell abgehakten gesetzlich-behördlichen Beurkundung im Standesamt die kirchliche Trauung am wichtigsten. Beim feierlichen Gottesdienst mit Eltern, Geschwistern, Verwandten und Bekannten verinnerlichten wir das „Ja“, das mit „in guten und schlechten Zeiten“ und „bis dass der Tod euch scheidet“ verbunden war. Nach der Trauung schloss sich die Hochzeitsfeier an! Ein Familienfest stand ebenfalls wieder zur kirchlichen Taufe des Nachwuchses an.
In unserem größeren Kreis hatten, wie bei Eltern und Verwandten und von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Ehen Bestand. Die Scheidungsrate war damals weit geringer als heute. Dennoch gab es Einzelfälle, in denen sich Eheleute sogar noch nach der Silberhochzeit scheiden ließen. In unserem Umfeld hielten die meisten Ehen und halten noch nach über 30, 40 und 50 Jahren, wenn inzwischen auch bei manchen der Tod ein Ende gesetzt hat. Silberhochzeit, goldene und sogar diamantene Hochzeit konnten einige im Bekannten- und Verwandtenkreis noch gemeinsam erleben. Wie wundervoll. Waren sie ehedem alle unmodern und haben vergessen, sich selbst zu verwirklichen?

Passt nicht, geht nicht/ Papa nicht da, Mama nicht da
Lag 1970 die Zahl der Scheidungen noch bei knapp über 18 Prozent, wird sie für 2017, seit wenigen Jahren leicht rückläufig, mit über 32 Prozent angegeben, rund 153.500. Das Leben ist nicht immer ein Zuckerschlecken, es gibt gute und schlechte Zeiten, Höhen und Tiefen. Nach heute meist zehn Schuljahren, häufig Abitur und universitärer Bildung muss jeder auch wissen, dass sich diese sexuelle Glut nach und nach in ein glimmendes Feuer zwischen den Partnern verwandelt. So spielt die Natur mit uns. Eine Ehe macht außerhalb dieser Thematik doch aus, Täler ebenso gemeinsam zu durchschreiten wie Gipfel zu erklimmen. Kompromisse sind gefragt. So viele Jahre waren die Medien voll mit Beiträgen zur „Selbstverwirklichung“ und zu „innerer Befreiung“, „Karriere“ und vielem mehr. Wenn das so persönlich im Blickpunkt steht, ist zu überlegen, ob man überhaupt eine Ehe eingeht. Gerade wenn Kinder da sind, gehören ein hohes Maß an Verantwortung und stets auch Kompromissbereitschaft in den Vordergrund. Wer meint, dass etwas anderes für ihn wichtiger ist, na bitte. Sofern Kinder im Spiel sind, ist stets zu bedenken, wie der Nachwuchs mit solch einer Trennung fertig wird – Mama nicht da, Papa nicht da, alles nur im Mehrwochenrhythmus. Wenn das so ist, frage ich dann doch: „Ist das modern?“. Ich hätte dann lieber darauf verzichtet und will als unmodern gelten.

Heute reicht oft ein Einkommen nicht
Das Familienleben ist ebenfalls gesellschaftlich angeknackst. In früheren Zeiten konnte ein Verdiener, ob Mann oder Frau, noch die ganze Familie ernähren. Angesichts hoher Mieten und allgemeiner Kostenbelastung wird das immer schwieriger. Wir wundern uns und empfinden es im Nachhinein als sehr gut, dass sich unsere Eltern und unsere Generation trotz nur eines völlig normalen Gehalts oder Lohns in üblichen Berufen, auch ohne universitäre Bildung, in der Industrie, im Handwerk, bei öffentlichen Arbeitgebern und anderen die Versorgung der Familie leisten konnten! Ab so Mitte/ Ende der 1950er-Jahre waren auch Reisen „drin“, und bald stand das eigene Auto vor der Tür. Selbst in unserer Generation klappte das alles noch. Diese Zeiten, in denen alles mit einem Lohn funktionierte, scheinen bereits schon länger vorbei zu sein, sofern man nicht überproportional verdient oder vermögend ist. 

Waren wir also doof zu unserer Zeit, früh zu heiraten? Nein, unsere Kinder waren schon Jugendliche, als wir selbst noch jung waren. Heute sind Eltern bereits weitaus älter. Wir konnten trotz und wegen der Kinder unsere Zeit genießen, auch wenn es kaum KiTas gab, die wir aber auch gar nicht brauchten. Unmodern oder zu blauäugig waren wir zur damaligen Zeit absolut nicht, weil es so Alltag war – und der war und ist weit weniger stressig als der heutige, wie wir ihn oft aus Erzählungen mitbekommen.  Jürgen Weller

PS: Der Text geht darauf ein, wie wir es kennen. Jeder mag wieder andere Erfahrungen haben. Klar wissen wir, wenn wir von Frau und Mann schreiben, dass inzwischen auch gleichgeschlechtliche Ehen möglich sind. Verschiedene Aspekte werden dort ähnlich sein.

(Repros, Abbildungen: © presseweller)

Ein paar kurze geschichtlich-politische Hinweise zu den Zeiten: In den 1950er-Jahren war - bis 1963 - Konrad Adenauer (CDU) Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (also West). Es war eine Koalitionsregierung. Bundespräsident war Theodor Heuss (FDP). Wirtschaftsminister war Ludwig Erhard, mit dem wir den Aufschwung in den 1950ern und das "Wirtschaftswunder" verbinden. Es "lief" wieder! 

In den 1970er-Jahren, seit 1969 - bis 1982 - regierte die SPD als Koalitionsregierung, auch als sozial-liberale Koalition bekannt. Bundeskanzler waren Willi Brandt und Helmut Schmidt. Bundespräsident war 1969 bis 1974 Gustav Heinemann (SPD). (*Abgesehen von den bekannten Namen unserer Zeit haben wir Einzeldaten wikipedia.org und taschenhirn.de entnommen). 


Samstag, 25. März 2017

Innere Uhr tickt anders: Sommerzeit kommt






Umstellung in der frühen Nacht am 26. März 2017


24. März 2017. Siegen (DiaPrW). Die „richtige Zeit“, die heute als Winterzeit bezeichnet wird, geht ihrem Ende zu. Nun kommt mal wieder die so genannte „Sommerzeit“, bei der die Uhren um eine Stunde vorgestellt werden. In diesem Jahr ist das auf der Nacht von Samstag (25. März) auf Sonntag (26. März). Offiziell erfolgt das Vorrücken der Uhr von 2 auf 3 Uhr. Normalerweise wird das jeder bereits abends beim Zubettgehen machen. Die Politik scheint nach wie vor nicht bereit, diese nicht unumstrittene Umstellung abzuschaffen.

Ein Landwirt erzählte uns schon vor Jahren, dass seine Kühe die Zeitumstellung als wohl merkwürdig empfinden würden, weil sie ihre festen Melkzeiten „gespeichert“ hätten. Sie guckten so, als wollten sie nicht glauben, dass sie nun schon ihre Milch abgeben müssten. Aber die Menschen sind von früherem Aufstehen, Änderung des Tages-Rhythmus' und vielem anderen ebenfalls betroffen.

Hallo Kinder – Aufstehen!

Die Zeitumstellung wirkt auf den menschlichen Körper ein. Es ist eine Umstellungsphase erforderlich, weil die viel wichtigere „innere Uhr“ anders tickt. Bei den einen geht das relativ problemlos, andere haben erst einmal Mühe damit. Klar, das Schulkind, das sonst vielleicht um 7 Uhr zum Schulbeginn aufsteht, muss nun – nach normaler Zeit – bereits um 6 Uhr aufstehen. Es ist auch entsprechend dunkler. Das Gegenargument von vielen ist: Dafür ist es abends länger hell. Ja, ja, das heißt aber auch, dass dem einen oder anderen wegen der Helle das Einschlafen schwerer fällt. Der Körper ist von Hormonen gesteuert und da spielt unter anderem das „Schlafhormon“ Melatonin eine wichtige Rolle. Zum Teil liest man auch von Ärzten, dass sie dafür sind, die Zeit nicht umzustellen. Schließlich muss sich der Körper jetzt im Frühjahr und dann im Herbst nochmals umstellen. In diesem Jahr erfolgt der Wechsel am 29. Oktober.

Immer wieder einmal

Seit Jahrtausenden nutzen Menschen den Sonnen- und Mondstand, um sich Tage, „Monde“ und Jahre einzuteilen. Änderungen der Zeitläufe mit „besonderen Zeiten“ wie seit 1980 in Deutschland mit „Sommerzeit“ gab es aus den verschiedensten Gründen in der Geschichte bereits häufiger.

Im Jahre 1980 war, wie es damals hieß, einer der Gründe, dass mit der Umstellung Energie gespart werden könnte. Bei allem, was man gelesen hat und liest, schien das wohl ein Irrglaube zu sein. Trotzdem kommt keine Änderung. Eindeutige Begründungen hört man kaum. Auf Deutschland und die Sommerzeit bezogen, werden Fahrpläne und Co. sicher kein Thema sein, denn zurzeit ist allein durch die Zeitänderung zweimal im Jahr eine Generalumstellung erforderlich. (jw)

Autor Jürgen Weller nimmt mehrmals im Jahr zu gesellschaftlichen und politischen Themen Stellung. Sie sind allgemein gehalten sowie mit Hintergrund aus Medienveröffentlichungen und Eigenansichten. Irrtum bleibt stets vorbehalten. In verschiedenen Magazinen des Verlags Buch-Juwel und Beiträgen stellt er auch Szenerien aus den 1950er- bis 1970er-Jahren vor.  

Samstag, 26. November 2016

Ganz anders: Erinnerungen an die Adventszeit


Das erste Adventslicht, die Weihnacht rückt näher. (Foto: presseweller)



In der warmen Stube im sanften Lichterschein sitzen und
zusammen Weihnachtslieder singen

Advent 2016. (presseweller). Man mag ein Zitat aus einem Gedicht anführen „Oh, wie war es doch so ehedem ...“, wenn man an die Adventszeit früher und vor allem die Adventssonntage denkt. Lag doch vom 1. Advent an eine besondere Stimmung im Haus, und auch in Nachbarschaft und Ort schien es, als sei nun eine besondere Zeit. Dezenter vorweihnachtlicher Schmuck mit Kerzen und Tannenzweigen schmückte die Wohnung, und hier da gab es an Fenstern einen Schwibbogen oder eine Pyramide mit kleinen Figuren und Engeln. Wie wundersam.
Die Eltern, zu unserer Zeit meist die Mütter, hatten alles hergerichtet, für ein „stimmungsvolles Ambiente“ gesorgt, wie man heute sagen würde. Die Kinder in der Straße waren mit Spielen beschäftigt, aber auch damit, was man sich vom Christkind wünschen könne. „Was hast du denn im Wunschzettel aufgeschrieben?“ fragten wir uns gegenseitig und natürlich auch „Meinst du, dass du alles bekommst?“ Wir wussten damals selbst, dass längst nicht alles ging. Schließlich war in den Nachkriegsjahren bis Ende der 1950er das Einkommen bei meist einem „Verdiener“ nicht so üppig, als dass man aus dem Vollen schöpfen konnte. Mit dem Wunschzettel war es verschieden. Mal wurde er auf die Fensterbank gelegt, mal den Eltern oder sonst oft dem Nikolaus abgegeben.
Die Eltern hatten zu tun: Besorgungen machen, nach Geschenken Ausschau halten. Anders als heute gab es nicht wie oft bereits seit dem Spätsommer/ Herbst Weihnachtssüßigkeiten und Co., sondern eben erst zur Vorweihnachtszeit. Und bei leckeren und dazu noch selbstgemachten Süßigkeiten fallen direkt die Plätzchen ein: Spritzgebäck, Halbmond- und Sterne-Plätzchen, Makronen und, und …! Für uns gehörte dieser besondere Backduft einfach zur Adventszeit einfach dazu. Das Haus war erfüllt davon. Das tat richtig gut.

Ruhige Adventssonntage

Zumindest am 1. Advent war ein Gottesdienstbesuch gemeinsam mit den Eltern und den Nachbarn angesagt – ja, auch in der Stadt. Zu Beginn der Feierlichkeiten zur kommenden Weihnacht sang man „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit ...“. Bei jedem, der es miterlebt hat, wird das Lied fest im Kopf „eingeschrieben“ sein. Ruhig verlief der Tag, manchmal noch mit einem Waldspaziergang verbunden. Da hatten wir es in der Region Siegerland und Westerwald gut. Von vielen Wohngebieten aus liegen „dunkler Tann“ oder Mischwald nur ein paar Gehminuten entfernt. Aber bald am Nachmittag dämmerte es. Wir kamen in der Stube oder der großen Küche zusammen. Manchmal wurde zusammen gebastelt, ob Sterne aus Gold- oder Silberpapier falten oder aus Stroh zusammenfügen oder kleine bunte Gefäße mithilfe von Wasserglas herstellen: überall wieder anders. Der von den Eltern selbst gebundene Adventskranz, oft mit roten Schleifen und roten Kerzen, stand auf dem Tisch. Bald wurde das erste Licht angezündet. Im sanften Schein der Kerzen sangen wir Advents- und Winterlieder, ob „Macht hoch die Tür“, „Es kommt ein Schiff geladen ...“, oder ob „Leise rieselt der Schnee“. Wenn Bruder oder Schwester etwas älter und schon in der Schule waren, konnte es auch noch Blockflöten-Begleitung geben. Blockflöte spielen und Noten haben wir früher noch gelernt. In manchen Häusern gab es auch umfassendere Hausmusik. Das waren so romantische Abende ohne jede Hektik, voller familiärer Gemütlichkeit und dem noch Abwarten bis zum Heiligen Abend, das man sie nie vergisst. Ähnlich wie heute? Meist wohl nicht: „Ganz anders“. (Jürgen Weller)

Über die Seiten www.presseweller.de und buch-juwel.de finden Sie verschiedene Beiträge zu früheren Zeiten, Heimat, Siegerland und mehr. Zum neuen Siegerland-Buch "Riewekooche, Glonk un Alldaachsläwe" (ISBN 978-3-9818449-0-0, Buch-Juwel, beim Siegerländer Buchhandel anfragen) können Sie ohne Anmeldung auf www.buch-juwel.de auch eine Inhaltsbeschreibung aufrufen)

Dienstag, 25. Oktober 2016

Zeit der Trauer und der Erinnerungen: November


Zu den Totengedenktagen im Herbst werden die Gräber besonders hergerichtet und geschmückt.   (Fotos: (c) presseweller


Mit Allerheiligen und Ewigkeitssonntag der Verstorbenen gedenken


Siegen. Oktober 2016 (presseweller). Neblig-diesiges Wetter passt zum November und damit zur Zeit der Totengedenktage. „Mir ist es wichtig, auf dem Friedhof einen Platz mit dem Namen des Verstorbenen zu haben, um meiner Trauer Raum zu geben“, sagt Ilse* (66) wie viele andere. Dabei gibt es für die „letzte Ruhestätte“ heute viele Auswahlmöglichkeiten, beispielsweise vom klassischen Erdgrab über das Urnengrab und das Wiesengrab mit Tafel bis zur Bestattung in einem Wald, im Umkreis eines Baumes. Besonders gedacht wird der Toten an Allerseelen und Allerheiligen (1. November), vor allem bei katholisch Gläubigen, sowie am Ewigkeitssonntag, vielen besser bekannt als Totensonntag. Dieser eher von den evangelischen Christen begangene Tag hat keinen fixen Termin, liegt aber an einem Sonntag Ende November und orientiert sich zeitlich am 1. Advent.

Die Gräber von Angehörigen, Lebenspartnern, Freunden oder guten Bekannten sind Ziel der Friedhofsbesuche an diesen Gedenktagen. Man legt ein Bukett, eine Pflanzschale oder Blumen auf und zündet ein Licht an. Während pflanzlicher Schmuck vom ewigen Kreislauf des Lebens, dem Werden und Vergehen erzählt, ist es das Licht, das Helle ins Dunkle bringt. Bei allen Kriegen und Unruhen in der Welt ist das wichtiger denn je. Mit dem Grabbesuch kommen Erinnerungen auf und die innere Zwiesprache wie „Du bist zu früh gegangen“, „Was haben wir gemeinsam schon alles erlebt“, „Weißt du noch, wie wir gemeinsam mit Deiner Gitarrenbegleitung vor der ganzen Verwandtschaft gesungen haben?“, „Danke Papa, dass du mich so vieles gelehrt hast“, „Danke Mama oder Mutti, dass du immer für mich da warst!“ und so weiter und so weiter. „Immer, wenn ich ans Grab gehe und besonders an diesen Feiertagen, „erzählt Karin, „lebt ein Stück unseres gemeinsamen Lebens wieder bildhaft in mir auf. Ich glaube, Paul sieht das von oben auch und freut sich, dass ich an diese Zeiten und ihn denke.“


Lichter und Blumen schmücken die Gräber:"Ja ich bin da!"

Weitere „stille Tage“

In den November fällt ein weiterer Gedenk- und Glaubenstag, der Buß- und Bettag, der ebenfalls keinen festen Termin hat und in den meisten deutschen Ländern als offizieller Feiertag abgeschafft wurde. Das hat aber keine Glaubens- oder Kirchengründe.
Ebenfalls in den November, an einem Sonntag, aber wieder ohne festen Termin, da wiederum vom Advent abhängig, fällt der Volkstrauertag. Ursprünglich in Deutschland für die Kriegstoten gedacht, gilt er mittlerweile als Gedenktag für alle Kriegstoten sowie die Opfer von Gewaltherrschaften aller Nationen. Nein, nicht genug. Dazu müssen noch die Vermissten gezählt werden: Ehemänner, Söhne, Brüder, die nicht wiederkamen und deren Schicksale trotz Nachforschungen nicht selten bis heute unbekannt blieben. Schlimm!
An vielen Orten im In- und Ausland sind diesen Opfer der Kriege Denkmäler gesetzt, soweit bekannt mit Namen.
Angesichts der verworrenen Weltlage mit Terror, Unruhen und Kriegen oder Kriegsbeteiligungen unterschiedlichster Staaten, je nach Interessenlage, rückt dieser Feiertag wieder mehr ins Bewusstsein. Ja, dabei bleiben so manche zurück. 


Erinnerungen an die Kriegstoten, hier in Norddeutschland.


„Wo ich auch unterwegs war“, sagte mein Vater Ewald mir „habe ich in den Dörfern und Städten Friedhöfe besucht. Da kann man ablesen, wie die Menschen im Ort mit ihren Verstorbenen umgehen.“ Aus diesen Anschauungen schrieb er auch seine Erzählung „Memento mori“ … „Gedenke des Todes“ (oder auch gedenke des Sterbens) - wie es hier und da über Friedhofseingängen steht.
Bezüglich Friedhofsbesuchen halte ich es auch wie er, ob ich in Deutschland, im Osten, Westen, Süden oder Norden unterwegs bin. Weit, weit überwiegend ist es so, dass die Friedhöfe gepflegt, die Gräber geschmückt sind. Nicht nur zu den Totengedenktagen! 
Schön, wenn man sich „oben“ wiedersieht. (jw)

*Namen geändert

Mehr zu allgemeinen Themen können Sie unter dem Blog "Gesellschafts-Dialog" lesen. Aufrufbar ohne Anmeldung unter Magazine, Videos, Blogs auf http://www.presseweller.de
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Dienstag, 6. September 2016

Mecklenburg-Vorpommern und die Wahl



Politisch alles durcheinander nach der Wahl. Welche Koalition? Schweriner Schloss. (Foto: presseweller)



Grüne und NPD raus, AfD drin, SPD und Linke große Verluste, CDU nur unter 20 Prozent


Kommentar

Siegen. 6. September 2016. Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern ist vorbei, die Ergebnisse sind in Kürze schnell ausgemacht: Die Grünen sind wie auch die NPD raus, die SPD hat hohe Verluste, ist aber die klare Gewinnerin der Wahl, die Linken fahren noch etwas höhere Verluste als die SPD ein, und die CDU mit ihren Verlusten muss sich mit dem dritten Platz begnügen, weil die AfD von Null an auf ein höheres Ergebnis gekommen ist. Mit deutlich über 60 Prozent war die Wahlbeteiligung gut. Rechnet man auch die im Endeffekt „verlorenen Stimmen“ der Parteien von unter fünf Prozent hinzu, hat das sozialdemokratisch-linke Lager keine Mehrheit.

Geht es um das Thema „Verlust in der Wählergunst“ stehen Linke (minus „-“ 5,2 Prozent '%') vornean, gleich gefolgt von der SPD (- 5,0 %). Bei aller Freude der SPD-Anhänger muss man sehen, dass die Partei den zweithöchsten Verlust eingefahren hat. Die CDU muss – 4,0 % hinnehmen und fällt damit unter 20 Prozent, die Grünen haben mit 3,9 % etwas geringere Verluste. Aber die weitaus große Mehrheit hat sich gegen „Grün“ entschieden. Mit dem deutlichen Ergebnis unter 5,0 % (4,8) spielen sie auch in der Opposition nicht mehr mit. Die FDP legt 0,2 % zu, hat aber mit um die 3,0 Prozent keine Chance wie – mit Verlust – die NDP. Auf den Zuwachs bezogen ist die AfD die eindeutige Gewinnerin – von 0 auf über 21 %. Ein paar Ergebnisse dazu: SPD 30,6, AfD 21,8, CDU 19,0 und Linke 13,2 %. Alle Ergebnisse gemäß dem vorläufigen amtlichen Endergebnis vom 5. September – der Webseite landtag-mvp.de entnommen.

Was heißt das?
Bei diesen Zahlen sind wegen der – auf Kommunalebene in manchen Ländern schon niedriger angesetzten – Fünf-Prozent-Klausel zwei Regierungsbildungen möglich: SPD – CDU wie bisher und SPD – Linke. Insgesamt gesehen sind aber rot-rotes- und bürgerliches Lager in etwa gleichauf. Die Grünen konnten, da sie bisher in der Opposition waren, mit ihren Themen wohl kaum punkten. Die CDU anscheinend ebenso nicht. Es werden Bundesthemen wie das Thema Flüchtlinge ins Feld geführt, wobei von dieser Problematik Mecklenburg-Vorpommern kaum betroffen ist. Bundeskanzlerin Merkel engagiert sich nach meiner Ansicht intensiv, und wenn man sieht, welchen Einsatz sie und Außenminister Steinmeier zeigen, muss man sagen: „Die machen ihren Job richtig gut!“ Merkwürdig, dass da von SPD-Seite andere Töne kommen. Schließlich ist die SPD Teil der Regierung. Wenn sie jetzt, zu Wahlzeiten, anderes verlauten lässt, fragt man sich, warum sie alles mitgetragen hat!
Bei der AfD waren von Beginn an „Flüchtlinge“ ein Thema, aber sie hat nun auch andere Themen ins Spiel gebracht wie zum Beispiel mehr Bürgerbeteiligung. Bei „Flüchtlingen“ ist es nach unserem Verständnis eines „christlichen Abendlandes“ unsere Pflicht und Schuldigkeit, Menschen aufzunehmen, die vor Bombenterror und Zerstörung ihrer Häuser, Wohnungen und Orte fliehen. Es ist menschlich. Und die vielen Hilfsbereiten im Land haben gezeigt, dass es geht. Wie bei verschiedenen anderen Dingen liegt ein großes Problem dabei in der EU, in der es bis heute keine Einigung zur Verteilung asylsuchender Menschen gibt. Seit Beginn wurden Italien und Griechenland mehr oder weniger alleine gelassen mit der Problematik.

Mehr Bürgernähe
In Mecklenburg-Vorpommern und anderswo geht es für Bürger auch um ihre eigenen Probleme. Abgesehen von den Tourismusorten rund um die Küste werden Arbeitsplätze, ordentlicher Lohn und anderes Themen sein. Junge Leute kann man in Regionen nur binden, wenn es auch vernünftige Arbeitsmöglichkeiten gibt. Das beginnt bei der Ausbildung. Wenn die Wirtschaft bundesweit den verschiedenen Veröffentlichungen nach „händeringend“ nach Fachkräften und mittlerweile Auszubildenden sucht, muss sie es selbst verstärkt in die Hand nehmen. Die Politik kann hier nur unterstützen. In Deutschland gibt es wahrscheinlich noch viele, die gut aus- und weitergebildet sind, aber bei der Jobsuche unter anderem an der Altersfrage scheitern.
Menschen im Niedriglohnsektor, die vielleicht noch aufstocken müssen, und Arbeitslose, die von Arbeitslosengeld 2 leben, immer noch „Hartz 4“ genannt und seinerseits unter der SPD-Bundesregierung als „Fortschritt“ eingeführt, können meist nur zusehen, wie andere an diesen schönen Ostseestränden Mecklenburg-Vorpommerns Urlaub machen. Frustrierend.
Die Politik oder die schon oft so bezeichnete „politische Klasse“ scheint weit weg von den Bürgern. Es genügt wohl nicht, nur zu Wahlzeiten „unters Volk“ zu gehen, sondern auch sonst präsent zu sein, Dinge klar zu erläutern und sich der Sorgen und Nöte der Bürger anzunehmen. Parlamentarier, denen die Bürger einen „Auftrag“ gegeben haben, und Behörden als Ausführungsorgane sind gefordert, „bürgernah“ oder „bürgernäher“ zu sein. Was da alles so läuft, ist häufig in Fernseh-Magazinsendungen zu sehen. Oft genug fragt man sich: „Gibt's das in unserem Staat?“

Der weit umfangreichere Einbau von direkter Bürgerbeteiligung, fachlich plebiszitärer Elemente wie im Demokratie-Vorbild Schweiz, sind einfach dazu gemacht, Bürgern tatsächlich mehr Einfluss auf Entscheidungen zu geben, sich mit Themen zu beschäftigen und mitbestimmen zu lassen. Dem Demokratieverständnis nach sollte das Volk der Souverän sein!                      Jürgen Weller

Montag, 15. August 2016

Neue Zigarettenschachteln ohne Angaben


Ist diese EU-Vorgabe mit Bildern nun ein Fortschritt? / Mangelnde Information zu wichtigen Schadstoffen


Kommentar

Siegen. August 2016. Da liegen sie nun neben noch alten Packungen in den Regalen: Zigarettenpackungen mit der neuen Umhüllung. Die EU-Verordnung ist umgesetzt. Ob gut, wird man eventuell in einigen Jahren wissen, je nach Umfragen und Untersuchungen zum tatsächlcih geänderten Verhalten. Zum Teil ist diese nahezu Totalumhüllung, durch die manchmal auch erst der Markenname gesucht werden muss, eher schlecht. Zumindest auf den hier vorliegenden Packungen ist die Angabe zu den Inhaltsstoffen Nikotin, Kohlenmonoxid und Teer verschwunden. Was soll das? Eine deutliche Verschlechterung!

Es ist gut, wenn über die Gesundheitsfahren zum Rauchen aufgeklärt wird, manche es dadurch aufgeben und Jugendliche gar nicht erst zum Glimmstängel greifen. Private Umfragen hier im kleinsten Kreis bei Rauchern und ehemaligen Rauchern zur neuen „Umverpackung“ mit wohl in jeder Hinsicht aufwändigerem Vierfarbdruck, ergaben meist: Diese Bilder interessieren sie nicht! Manche haben schon früher spezielle Umhüllungen, Zigarettenpackungen-Täschlein, gekauft. Wahrscheinlich wird es jetzt und bald noch mehr Nutzer solcher „Etuis“ geben. Die Firmen, die das herstellen, werden sich freuen. Klar, es wird seit Jahrzehnten über die Gefahren des Rauchens aufgeklärt, es gab Tabaksteuererhöhungen und Co. Unabhängig von diesen Bildern scheint es so zu sein, dass junge Leute weniger zum Glimmstängel greifen und die Zahl der Raucher insgesamt zurückgeht. Das ist gut.

Änderungen bei regelmäßigen Rauchern? 

Es ist anzunehmen, dass sich die Mehrheit der Konstant-Raucher kaum von solchen Verpackungen beeindrucken lässt. Über die Gefahren wird seit Jahren aufgeklärt, zu den Positiv-Effekten des Nichtrauchens eher weniger oder beiläufig im Rahmen der per "Zeigefinger" dargestellten Negativwirkungen. Aber das sei einmal dahingestellt. Es gibt ein großes Manko bei den neuen Verpackungen. Wer hier und da selbst versucht, ob er einmal eine vom Zug und den Inhaltsstoffen her leichtere Zigarette probiert, hat nun ein Problem. Ja, anders als bei verpackten Lebensmitteln und Co. gibt es auf den vorliegenden Packungen gar keinen Hinweis mehr. Weg! Auf Kosten eines Allgemeinspruchs, dass jede Zigarette insgesamt so und so viele schädliche Inhaltsstoffe enthält. Was ist da wieder einmal gemacht worden? Was haben sich die Verantwortlichen der EU dabei gedacht? Einer zu krummen Banane sieht man ja an, dass sie stark gebogen ist und trotzdem schmeckt, einer Zigarette sieht man nun eben nicht an, wie hoch der Anteil relevanter Inhaltsstoffe ist – völlig unabhängig davon, ob das Rauchen insgesamt eher schädlich ist. Aber es geht um das persönliche Empfinden leichteren oder intensiveren Zugs. Ja, ein Raucher spürt diese Unterschiede!



Gute Regelung früher, Angabe wichtiger Schadstoffe. Dieser Hinweis scheint nun zu fehlen. (Foto: presseweller)

Leichter oder starker Zug?

Da ich Zigarettenwechsler bin, interessiert es mich, ob ein Glimmstängel acht oder nur sechs Milligramm (mg) Teer enthält, neun mg Kondensat oder nur sechs oder 0,5 mg Nikotin oder weniger. Wie man die neue Schachtel auch dreht: Man wird nicht fündig. Ohne diese Angaben kann man die wohl aufwändigeren Aufdrucke wohl kaum „gut gelungen“ nennen.

Es ist erfreulich, dass die Zahlen der Raucher oder zumindest der Tabakwarenkäufer in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist, das war aber noch vor der „Bilderzeit“. Wenn diese neuen Verpackungsvorgaben etwas zusätzlich bewirken, ist es gut. Dennoch sollte kein Weg daran vorbeiführen, auch wieder die wichtigsten Schadstoffe in Prozentzahlen aufzuführen. Vielleicht fällt den Verbraucherschützern etwas ein: auf Lebensmittelverpackungen und Co. Inhaltsangaben, auf Zigarettenpackungen nicht? Merkwürdig, aber richtig? Schließlich werden sich auch längst nicht immer nachvollziehbare EU-Vorgaben ändern, revidieren oder zumindest verbessern lassen. (jw)

Dienstag, 3. Mai 2016

Mama, Mutti, Mutter und Muttertag: Danke!



So war es schon immer und wird es bleiben: Das Baby fühlt sich zuerst am wohlsten bei der Mutter. So will es die Natur. (Fotos/ Repros: (c) presseweller)


Von der Babyzeit an wissen Kinder die Fürsorge zu schätzen

Siegen. Mai 2015 (DiaPrw). Laut ruft das Kind aus dem Kinderzimmer „Maaa-maa“. Es will, dass seine Mutter sich nun um es kümmert. Die Mama oder Mutter nimmt eine besondere Rolle im Leben ein. Nicht nur bei den Menschen. Der klitzekleine Nachwuchs wird mit Milch aus der Mutterbrust versorgt. Daher rührt auch der Name „Mama“, im Lateinischen heißt „Mamma“ Brust oder Mutterbrust. Aber der Nachwuchs wird nicht nur versorgt, sondern auch behütet. Im Normalfall hält das Behüten und Umsorgen ein Leben lang an. „Wer noch eine Mutter hat, sollte sich stets freuen“, sagte der frühere Westerwaldgeschichten-Schriftsteller Ewald Weller (†). Obwohl Muttersein jeden Tag Respekt verdient, gibt es einen besonderen Tag für die Mütter der Welt, den Muttertag.

Einst ähnlich der heutigen Form wohl aus Amerika über den großen Teich geschwappt, gibt es ihn bei uns seit den 1920er-Jahren und intensiver einige Jahr später, aber die besondere Verehrung der Mutter geht viel, viel weiter und in andere Kulturen zurück. In Deutschland und vielen anderen Ländern wird dieser Tag am 2. Sonntag im Mai gefeiert, weltweit an den unterschiedlichsten Tagen. Obwohl im Rahmen der Kommerzialisierung Geschenke auf dem Plan stehen, kommt es darauf nicht an. Im Prinzip sollte es schlicht darum gehen, sich der wichtigen Mutterrolle zu besinnen: „Ja, Du warst für mich da!“. Warum? Weil es im Alltag oft verloren geht.


Bunt, die Natur erwacht, neues Leben: Das passt zum Muttertag.


Tröste mich
Von dem Wunder Natur gegeben, ist das Kind von Anfang an zuerst bei der Mutter. Dieser besondere Bezug setzt sich ein Leben lang fort, wenn auch in einer intakten Familie bald der Vater oder Papa ins Spiel kommt, ebenfalls wichtig. Wenn das Baby im Bettchen weint, wird es im Arm der Mutter – meist – wieder still sein, sich umsorgt und behütet fühlen. Das ist auch in den Kinderjahren so: Zuerst am Rockzipfel hängen. Trost und Wärme spüren. Das Schöne: Die Mutter ist meist auch in den späteren Jahren wie zur Schulzeit und beim Erwachsenwerden Ansprechpartner, wenn etwas nicht so läuft, wie man gedacht hat oder es Probleme gibt. Und immer wieder bis ins Alter: „Mama, da ist was schiefgelaufen. Was wird jetzt?“ Und die Mutter kommt mahnend und helfend zur Seite: „Das war aber nicht in Ordnung. Nun schauen wir mal, wie wir das wieder hinbekommen!“ Das ist diese Fürsorge und Unterstützung, die Mütter im Normalfall ein Leben lang bieten. Und natürlich sind seit der Kindheit in Familien auch die Väter eingebunden, wenn der Spross fragt: „Guck mal, Papa, ich könnte dieses Mountainbike kaufen. Was meinst Du?“
Trotz heute aller möglichen modernen Partnerschaften und Modellen des Zusammenlebens ist das die Sentenz: Mutter und Vater bis zum Großwerden und dann eigenen Vorstellungen des weiteren Lebenswegs um sich zu haben, das ist einfach nur schön.

Der Muttertag ist eine gute Gelegenheit, mal wieder darüber darüber nachzudenken, wie einen die Mutter die vielen Jahre des Lebens begleitet hat, auch wenn man nicht mehr zu Hause wohnte. Wie sie oft Ansprechpartnerin, Ratgeber und Tröster in nicht so einfachen Tagen war. Es bedarf keiner Geschenke. Ein Besuch, ein liebes Wort, ein Anruf. Das macht es aus. Und wenn Mama verstorben ist, kann man an diesem Tag besonders daran denken und vielleicht das Grab besuchen. Auch das gibt wieder Trost. (Jürgen Weller)

Ob Jahreszeiten oder unterschiedliche Themen von Auto bis Reisen: Auf den frei zugänglichen Seiten von http://www.presseweller.de finden Sie Magazine, Videos und Co. 

Montag, 11. April 2016

Nicht repräsentativ? Holland und EU


Alles Natur. .Ein großer Teil dieses wunderschönen Tales, die Schwarzach im Defereggental, gehört bereits zum Nationalpark Hohe Tauern. Natürliche Energiegewinnung wie "Wasser zu Strom" ist hier angesagt. (Foto: presseweller)

Wahlen in der EU teils mit geringer Beteiligung - Entscheidungen greifen bis auf die Lokalebene 


15. April 2016. (DiaPrw). Das Refenderum, die Volksbefragung, in den Niederlanden hat dazu geführt, dass allen Medienverkündigungen nach rund 62 Prozent der Wähler gegen das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine gestimmt haben. Anscheinend wollten die Wähler damit auch gleich – oder besonders? – ein Zeichen setzen gegen die EU-Bürokratie, die bis ins letzte Dorf Regeln vorgibt. Das ist aber hier nur Spekulation. Zur Volksbefragung und Ergebnis gab es einige kritische Stimmen. Bei allen Kritikern ist eines der Argumente, dass nur 32 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne gegangen sind. Und? Schauen Sie einmal auf allgemeine Zahlen zu Wahlen, dann wird klar, wie vorgeschoben solch eine Argumentation ist.

Kritische Stimmen zu Wahlen setzen oft dort ein, wo einem die Entscheidung selbst, ob persönlich, Partei oder Institution, nicht passt. In der Schweiz gibt es zu vielen möglichen Entscheidungen ein Volksvotum. Gut. In Deutschland wurde die Bevölkerung weder zu EU-Beitritt noch zu Euro befragt. Nicht gut bei so grundsätzlichen Dingen.
Die Regelungen in den deutschen (Bundes-) Ländern zu Volksbegehren sind unterschiedlich. Es gibt Mindestkriterien, was in Ordnung ist. Warum zum Beispiel ein Gemeinderat die "Zulässigkeit" verneinen kann, obwohl sich die Befragung im Endeffekt gerade eventuell gegen eine oder beabsichtigte Entscheidung der Mandatare stellen oder auch zu bestimmten Themen, Baulichkeiten usw. Stellung beziehen will, ist zu hinterfragen. Mein Demokratieverständnis ist direkter.

Holland-Referendum und andere
Rund 32 Prozent der Niederländer haben abgestimmt. Die zugänglichen Statistiken zeigen, dass in Holland bei der vorigen EU-Wahl gerade einmal 37 Prozent (%)der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben haben, in manchen Ländern rund 30 % und in vielen noch weit weniger. Wahl nicht gültig? In Deutschland haben wir Wahlen zu Bürgermeister- und Landratsämtern, teils mit geringer Beteiligungsquote. Umgerechnet auf die Wahlberechtigten könnte solch ein Bürgermeister oder Landrat eventuell mal gerade 18 Prozent der Stimmberechtigten im Votum auf sich vereinen. Der vertritt nun die Stadt oder den Kreis?! Das heißt, dass es so bei uns ohne Wenn und Aber rechtens ist! Andererseits ist es auch so, dass wir geringe Wahlbeteiligungen in anderen Ländern seltsamerweise als "zu gering" qualifizieren und kommentieren. Ansonsten wären aber andere verfassungsmäßige Regelungen erforderlich, einschließlich der Demokratie-Definition.

Europa, EU und GB-Votum
In Zeitungen/ Medien wird häufig zu Europa berichtet. Gemeint ist aber oft die EU. Die EU ist nicht Europa im Gesamtbild. Von 47 europäischen Staaten – teils mit europäischem Teil – repräsentiert die EU gerade einmal 28 Länder. Auf die Teilnehmerzahl des Euro-Raumes und diese Währung wollen wir hier nicht eingehen. Wie wir aus vielen Gesprächen mit Bürgern wissen, leidet diese EU doch auch daran, dass Vorgaben der EU-Kommission selbst teils bis ins letzte Dorf und in jeden Haushalt reichen. In Osttirol zum Beispiel ging und geht es noch um das Programm "Natura 2000", was gegebenenfalls Einschränkungen der Bewirtschaftbarkeit bringt und hinter dem Teile der Bevölkerung gar nicht stehen. 
Aber man muss nicht weit schauen. Der Blick ins eigene Haus genügt. Außer den inzwischen alten Bananen-Sachen waren auch Glühlampen für die EU ein Thema - Umstellung seinerzeit auf "Energiesparlampen" mit eventuell Quecksilbergehalt. Da gibt es jetzt aber besssere Lösungen. Aktuell sind es unter anderem die Energiesparlabel auf Heizungen und Co. Hoch lebe die Bürokratie - oder was? (Mehr dazu im nächsten Blog). Da hatten wir schon und haben wir noch den Energieausweis. Vielleicht gibt es inzwischen nachweisbare große Energieeinsparungen angesichts dieses Papierstücks?! Wir wissen es nicht. In manchen Gebäuden, zum Beispiel öffentlichen, wird er wohl ausgehangen. Man kann sich kaum vorstellen, dass viele Besucher dieser Gebäude sich den Aushang anschauen. Wozu auch?
Rund um die EU stehen viele Fragen rund um Demokratie und EU-Zuständigkeit an. Nach Holland sind jetzt die Augen auf Großbritannien und deren Bürgervotum gerichtet. Je nach Ausgang und egal wie wird sich die Frage stellen, wie wieder dezentraler entschieden werden kann: sinnvolle Gemeinschaftsprojekte einerseits, höchste eigenstaatliche Souverenität  andererseits.                   
Jürgen Weller

Samstag, 9. Januar 2016

Nur eine Bahn und Post: Wie's früher war

Fürs Telefon war damals noch das Fernmeldeamt zuständig


Siegen. Januar 2016 (DiaPrw). Die Zeit ist schnelllebig. Die Arbeitnehmer wissen ein Lied davon zu singen: immer mehr in kurzer Zeit und womöglich noch jederzeit erreichbar. Nach dem Telefon machten Handys und nun Smartphones die Runde: jederzeit bereit, nachschauen, antworten. Die Entstaatlichung von Betrieben hat bereits vor Jahrzehnten begonnen. Privatisierung schien und scheint noch immer das Zauberwort zu sein, vor allem auch in der EU, wie in Griechenland zu sehen. Es wurden und werden sogar Einnahme-Pretiosen an den Mann oder die Frau gebracht, kurz an Unternehmen, an Großunternehmen, oft an internationale „Player“. Ist das die weitere Zukunft? Da war es bei uns früher doch gemächlicher und einfacher als vor diesen häufig auf Kapitalgewinn getrimmten Hektikzeiten – und siehe da, die meisten hatten dennoch Arbeit und ihr Auskommen.

Früher war so vieles anders. Ob es besser oder schlechter war, muss jeder selbst für sich beurteilen. Wir zeigen nur auf, wie es in damaligen Zeiten war.


Der Briefträger war im Bezirk bekannt. Er kam immer zur etwa gleichen Zeit.  (Fotos, Grafiken, Repros (c) presseweller)


Es gab nur eine Post, und der bekannte Briefträger brachte – bis auf seinen Urlaub – jeden Werktag zu etwa gleicher Zeit die Post ins Haus. Man kannte sich und hielt auch schon einmal Schwätzchen. Und noch etwas weiter zurück, kam sogar noch der Geldbriefträger und brachte Bares wie die Rente ins Haus. Briefkästen gab es an jeder Ecke. Die Paketzustellung erledigte ebenfalls die Post.  
In den 1950er-Jahren kam erst so nach und nach Telefon - mit Wählscheibe - ins Haus. Dafür gab es eigene Leitungen, die auch dann noch ihren Dienst taten, wenn zu Hause der Strom ausgefallen war. Das alles, einschließlich Störungsdienst und Vermittlung, lag in den Händen des Fernamtes oder Fernmeldeamtes, wo mancher Arbeit fand. Alles völlig anders. 
Die Eisenbahn fuhr – es gab nur eine – nach unseren Erfahrungen relativ pünktlich. Wir kauften die Karten am Schalter – was immer noch geht - und mussten nicht erst einen Automaten „studieren“, um eine Fahrkarte zu bekommen. Der Mitarbeiter konnte einem gleich die besten Verbindungen sagen und auf einen Zettel schreiben oder später ausdrucken lassen. Am Bahnhof und besonders beim Umsteigen fragten wir einen Bahnmitarbeiter zu Gleis oder Abfahrtsort. Es gab noch viel Personal.


Reisen mit der Bahn. Ob nach "nirgendwo" oder an einen bestimmten Ort. Wir informierten uns am Bahnhof und kauften am Schalter unsere Karten.
  

Meist funktionierte es sogar mit Anschlusszügen. Zur Sicherheit war die Bahnpolizei überall präsent.
Der öffentliche Nahverkehr, vom Kreis oder der Stadt betrieben, war rege unterwegs. Wir lösten unsere Fahrkarten noch beim Schaffner. Für etwas weitere Strecken wie von Siegen ins Sauerland oder in den Westerwald unterhielten zum Teil Post und Bahn eigene Busse.
Wasser und Abwasser erhalten wir zurzeit noch von einem stadtnahen Versorger, einem so genannten Eigenbetrieb der Stadt. EU-seits wird ebenfalls an einer Privatisierung gearbeitet. Da klingeln, wie bei vielen anderen dieser Themen, die Ohren. Schließlich sind die Gemeinden für solche Leistungen – teils auch über Zweckverbände organisiert – da. Es geht unter anderem um Daseinsvor- und -fürsorge. Trinkwasser und Abwasser sollten keine Gewinnquellen für Unternehmen sein!

Schule, Lehre und Banken
Schulmäßig hatten wir es früher zuerst mit der Volksschule zu tun, in der die Einschulung erfolgte. Dort konnte man dann bis zum 8. Schuljahr bleiben. Wir kannten die Lehrerinnen und Lehrer, auch wenn sie – neben dem Klassenlehrer – in der Woche nur wenige Stunden in speziellen Fächern gaben. Am Ende stand der Volksschulabschluss. Lesen, Schreiben, Schönschrift, Rechtschreibung, Rechnen, Raumlehre, Erdkunde, Religion, Geschichte und mehr: gutes Basiswissen. So gut, dass es für die meisten nicht nur mit der Lehre klappte, sondern so mancher auch im Betrieb den Aufstieg, teils bis in leitende Stellungen, schaffte. Gar nicht selten blieben Mitarbeiter von der Lehre an Jahrzehnte oder bis zum Rentenbeginn bei einem Unternehmen! Auf den Zeugnissen standen auch noch Betragen, häuslicher Fleiß und Beteiligung am Unterricht. Diese so genannten Kopfnoten waren später mal ganz weg, nach allem Hickhack tauchten sie teilweise auch mal wieder auf.


Früher und ganz früher gehörten "Kopfnoten" stets dazu.


Je nach Wunsch und Leistungen standen schulisch aber nach 4. oder 5. Klasse auch Realschule und Gymnasium zur Verfügung. Beide Schulformen gibt es neben inzwischen vielen anderen auch heute noch. Für diejenigen, deren Kinder längst dem Schulalter entwachsen sind, ist es schwierig, da noch den Überblick zu haben. Das gilt auch für Lernexperimente der vergangenen Jahrzehnte, von der Mengenlehre über Varianten des Schreibenlernes bis zur „neuen deutschen Rechtschreibung“. Wie noch immer gab es auch früher für „Spätzünder“ die Möglichkeit, über den „2. Bildungsweg“ zum Beispiel das Abitur zu machen.
Irgendwann wurde Lohn oder Gehalt nicht mehr bar ausgezahlt. Man benötigte ein Girokonto bei Bank oder Sparkasse. Manche hatten auch schon eines oder zumindest ein Sparbuch. Zu Hause benötigtes Geld holte man am Bankschalter ab – nicht am Automaten, was aber zweifellos auch seine praktischen Seiten hat. Unabhängig davon waren Geldzahlungen an andere auch zu damals noch erschwinglichen Gebühren über den Postzahlungsdienst möglich. Außerdem konnte man ein Postscheckkonto haben und darüber den Zahlungsverkehr abwickeln. Diese Postsache mündete dann irgendwann in Privatisierung.

Nur einige wenige Facetten vergangener Jahrzehnte der vielfältigen Veränderungen des Lebens, die meist auf politischen Entscheidungen beruhen. Aber so wird es wohl von Generation zu Generation weitergehen. (jw)


Anmerkung: Natürlich kann man die Zeit und Veränderungen nicht anhalten. Es gibt technische Fortschritte, die teils auch das tägliche Leben vereinfacht haben, und über ein, zwei Generationen sich stetig ändernde Ansichten. Zumindest aber kann man das eine und andere vergleichen und sich fragen, ob dies oder das damals besser war oder heute besser ist. Die nächsten Generationen werden ebenso wieder auf die Zeit früher, vielleicht von 1990 bis 2020, zurückblicken und die vielfachen Veränderungen bewerten.  

In Magazinen und Blogs greift Jürgen Weller über www.presseweller.de immer wieder auf Themen der 1950er- bis 1970er-Jahre zurück, um ein Stück Erinnerung festzuhalten. 


Dienstag, 22. September 2015

Alzheimer: Das unbekannte Vergessen



Grau in Grau scheint die Welt für Alzheimer-Betroffene zu sein. 


Alzheimer-Tag 21. September - immer ein Thema
Irgendwann holte es auch den Vater ein


Von Jürgen Weller

September 2015. Er war Ende 60, als uns auffiel, dass er sich an Orten, die er bis vor Kurzem jahrelang besucht hatte, nicht mehr so richtig zurechtfand. Eduard* (*alle Namen im Bericht geändert), Ehepartner, Vater und Opa, tat sich mit der Orientierung schwerer und musste auch bei Menschen außerhalb des wohnlichen Umfelds, die er Jahrzehnte lang kannte, öfter den Namen nachfragen. Es dauerte noch rund ein Jahr, bis er auch in der Wohnung nicht mehr bestimmt und geradlinig in die Zimmer ging. Mutter Erika half ihm. Vater wusste aber noch, die Haustreppe zu gehen und wo sein „angestammter“ Platz im Wohnzimmer auf der Couch war. Er war fahrig und faltete die Tischedecke an seinem Platz hin und her, sonst aber wirkte er zufrieden. Bis dahin funktionierte auch noch ein Teil seines Kopfes, seines Gehirns. Fragten wir nach seinem Geburtsdatum, kam es schnell: 13. Januar 1912. Aber die Krankheit, die Demenz, die Hirnvergesslichkeit, heute meist „Morbus Alzheimer“, also Alzheimer-Erkrankung, setzte sich durch. Keine medizinische Hilfe damals.

Als Eduard dem 70-Jährigen zuging, wurde klar, dass etwas mit seinem Gedächtnis nicht stimmte. Er bemühte sich zwar, aber es wurde immer weniger. An seinem Geburtstag erzählte er kaum etwas, obwohl er doch sonst gerne von alten Zeiten und über die aktuelle Politik sprach. Ob er die Menschen noch erkannte, die ihm zum Geburtstag gratulierten, wusste niemand zu sagen. Er freute sich, schüttelte die Hand, sagte aber keine Namen.
Oft noch saßen wir zusammen neben dem Plattenschrank und legten Chöre, Märsche und Walzer auf, die er auch nach dem 70. noch lange mitsummen konnte. Wir fuhren gemeinsam in Urlaub an frühere Ferienorte, an der er sich erinnern konnte, aber seine Worte wurden immer spärlicher. „Oh Papa“, mussten wir, Mutter, Kinder, Enkel dann sagen, die wir den geistigen Verfall miterlebten. Was hatte er für Geschichten, Erzählungen für seine Heimatzeitung zum Westerwald geschrieben wie „Die Kräuter-Kathrin“ oder „Der Geist aus der Steineberger Höhe“, die noch in der nächsten Generation bekannt waren. Wie kannte er als Postler die deutschlandweiten Verbindungen der Bahnpost und die vielen Orte aus dem Effeff, wie konnte er von seinen Kriegseinsätzen in Griechenland, von Kreta und den Riesenschildkröten erzählen und von den weiteren Wegen, wo ihm auch Menschen aus anderen Ländern, eigentlich „Kriegsgegner“ weitergeholfen hätten. Alles das verstummte mehr und mehr.

Zunehmender Verfall
Der normal gut große und kräftige Mann verfiel mehr und mehr. Essen machte schon lange keine Freude mehr. Aber er aß und trank wenigstens noch ein bisschen, magerte dennoch immer mehr ab. Der Hausarzt versuchte es einmal mit einer Spritze, die wohl die Hirndurchblutung oder sonstwas fördern sollte. Wir wissen heute nicht mehr, was es war. Als er dann nach dem Abholen aus dem Auto stieg, schien er verwirrter als zuvor zu sein. Das hielt auch den nächsten Tag noch an. Kurz, es hatte nichts gebracht! Eher im Gegenteil.
Irgendwann kam er mit einer Art Bronchitis ins Krankenhaus. Seit seinen Lazarett-Aufenthalten mit zig Splitter- und einer Einschussverwundung während der Kriegszeit und mit nachgehender Behandlung war er nie mehr in einem Krankenhaus. Nun aber stellten sie ihn dort „auf den Kopf“, was er im Prinzip nicht gewollt hätte, aber nun nicht mehr sagen konnte. Unser Bestreben dabei war, dass es ihm wieder besser ging. Man diagnostizierte schließlich Wasser in der Lunge. Das wurde mit einer Absaugspritze über den Rücken in die Lunge beseitigt. Atem- oder Luftprobleme hatte er allerdings noch nie, auch keine Herzprobleme. Nur wenige Jahre vorher hatte er noch lange Spaziergänge mit dem Enkel und Erika gemacht. Die vier Treppen im Wohnhaus ging er teils schneller als ich. In den letzten Monaten vor seinem Tod wollte er aber zwischendurch eine Pause machen. Ein paar Sekunden, - tief durchatmen.

Arztidee – Alkohol und Vormundschaft
Als er in diesem Krankenhaus liegt, bittet uns der wohl leitende Arzt ins „Chefzimmer“. Er erklärt uns: „Die Demenz scheint durch ein Alkoholproblem bedingt zu sein“. Was? Das war für uns mehr als erstaunlich. Wäre es nicht ernst gewesen: Es war zum Lachen. Deshalb klären wir den Ober-Doc auch gleich auf. Wie in den wieder besser laufenden Nachkriegsjahren bis in die 1960er-Jahre gab es alle paar Monate mal eine Geburtstags- sowie einmal im Jahr eine Karnevals- und Silvesterfeier. Neben ein paar Bieren wurde auch mal ein Schnaps, vorwiegend Wacholder, getrunken. Aber das war's. Zu Hause trank Papa abends zum Wochenende mal gemütlich ein, also ein!, Flaschenbier, und sonst nichts. Er ging auch nicht aus. Ein einziges Mal im Leben habe ich meinen Vater nach einer großen Feier mit Kollegen leicht betrunken gesehen. Sonst nie! In über 40 Jahren Ehe und über 30 Jahre täglichem Kontakt bekäme man das mit. Oder? Schließlich war er nach der Arbeit oder später nach Spaziergängen oder Spielen mit den Enkel immer zu Hause. Kurz, es war nicht und nie so. Schlicht Unsinn, irgendwann ausgedacht. Okay, zu der Zeit wusste man auch in Ärztekreisen vielleicht noch weniger über Alzheimer als heute. Wahrscheinlich war Anfang der 1970er das Alzheimer-Problem noch nicht so richtig durchgedrungen.
Der Arzt schockte uns aber erneut. Er eröffnete uns, dass er meinen Vater nicht mehr als geschäftsfähig ansehen könnte und eine Vormundschaft vorschlagen müsste. Jeder mag sich vorstellen, wie wir reagiert haben. Es kam dann nicht dazu. Generell fragen wir uns, wie es sein kann, dass in einer intakten Familie ein Vormund oder nach dem nun seit Jahrzehnten neueren Recht ein fremder Betreuer bestellt werden sollte?! Hat es sich da der Gesetzgeber einfach gemacht oder wollte er nur einen neuen Begriff, Betreuer statt Vormund, einführen? Unabhängig davon, dass so etwas in manchen Fällen vielleicht notwendig ist, wissen wir heute um die nicht immer einfache sondern teils problematische Abwicklung hinsichtlich Vermögensverwaltung und Wohnbesitzbestimmung. Ein schwieriges Feld, bei dem Angehörige immer genau schauen und wenn erforderlich Rechtswege ausschöpfen sollten!

Krankenhaus und Altersheim
Zurück zum Krankenaufenthalt. Vater fällt in eine Art Lethargie. Er isst und trinkt wenig, nimmt zusehends weiter ab und ist kaum ansprechbar. Er ist nur noch "Haut und Knochen". Schlimm. Wir wissen keinen Rat und rechnen mit dem Schlimmsten. Dann kommt eine Visite. Einer der Ärzte sagt: „Der Mann ist ausgetrocknet“. Das Problem kennen wir mittlerweile noch von manchen anderen Fällen aus nun „ganz modernen“ Zeiten. Der Arzt ordnete an, was zu tun ist. Nun musste man sich im Krankenhaus kümmern, und siehe da, der Demenz-Patient blühte im Rahmen der Möglichkeiten auf. Er war ansprechbar, erkannte uns und war zu einigen Worten fähig. Es war sehr gut, konnte aber die Krankheit nicht aufhalten. Er wurde schon bald entlassen. Als ich ihn abholte, stieg er alleine ins Auto. 
Nach ein paar Tagen zu Hause ging es aber erst einmal für wenige Wochen in ein Altenheim rund fünf Kilometer entfernt. Mutter musste unbedingt einmal zur Ruhe kommen, obwohl sie dann doch jeden Tag per Bus und Fußweg dort war. Vater war zum Teil im Bett und im Stuhl angegurtet „damit er nicht rausfällt“. Sein ganzes Gedächtnis hatte er nicht verloren, auch wenn er inzwischen kaum noch klare Worte sprechen konnte. Wenn wir kamen, lächelte er „über beide Ohren“. Er wusste, dass jetzt „seine Leute“ da waren. Natürlich holten wir ihn schnellstmöglich daraus. Nach Hause, in seine vertraute Umgebung. So, wie er sich freute, als er da war! Er wusste wohl, „zu Hause“ zu sein. Das war für alle schön.

Für einige Zeit noch „da“
Zu Hause saß er aber mehr oder weniger nur noch an „seinem Platz“ neben dem Wohnzimmertisch, guckte ein bisschen in den Fernseher, die Zeitung, die er früher Tag für Tag beflissen gelesen hatte, interessierte ihn nicht mehr. Unsere Namen konnte er nicht mehr sagen, aber er erkannte uns wohl bis zuletzt. Er war weiterhin unruhig mit seinen Händen, lief aber nicht herum und war stets ganz friedvoll. Ich war nahezu jeden Abend nach der Arbeit da, um Mutter zu helfen, wenn sie ihn zum Bettgang aus- und den Schlafanzug anzog. Ich hielt ihn dabei sanft von hinten über die Brust fest, damit er nicht umfiel. Weil er davor Angst zu haben schien, redete ich mich ihm „Papa, keine Sorge ich halte dich fest.“ Dann blieb er stehen und wartete, bis das Umziehen fertig war und wir ihn ins Bett brachten. Da war wohl noch so einiges bei ihm gespeichert.
Vater kam in dieser Zeit nicht mehr ins Krankenhaus und auch nichts ins Pflegeheim. Er war „bei uns“. Es gab keine besonderen Vorkommnisse, der Hausarzt kam nur regelmäßig zum Gucken. Eduard wird aber immer hinfälliger und irgendwann komplett bettlägerig. Es ereilt ihn das, was nach wie vor in vielen Fällen ein Problem ist, eine Lungenentzündung. Er atmete schneller, griff nachts immer wieder noch zu den Händen meiner Mutter und hielt sie fest. Auch in der Nacht, als es passierte, wie Mutter sagte. Er hörte auf zu atmen. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen.
Mich ereilte die Todesnachricht am frühen Vormittag auf der Arbeit. Es war kein Thema, dass ich direkt nach Hause konnte. „Sanft entschlafen“ sagt man, ich drückte noch die Hand meines Vaters. Danke für alles und die wunderschöne Kindheit - alles umwoben von tiefgehender Trauer.



Hinweis: Am 21. September ist Alzheimer-Tag. Je nach Quelle werden für Deutschland zwischen etwa 1,2 und 1,5 Millionen Erkrankte gemeldet. Diese Erkrankung macht danach wohl den größten Teil der Demenz.-Erkrankungen aus. Demenz steht für nachlassenden Verstand oder nicht mehr richtigen Verstand. Früher nutzte man bei alten Menschen den Begriff „Verkalkung“. Die Bezeichnung Alzheimer (Morbus Alzheimer) rührt vom Namen des deutschen Psychiaters Alzheimer her, der bei Patienten Veränderungen, Ablagerungen, im Gehirn erkannte. Vereinfacht ausgedrückt, funktioniert dadurch nicht mehr die notwendige Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und -bahnen. Das Gehirn verliert unter anderem die Fähigkeit, Wichtiges zu verbinden. Eventuell sind manche Hirnregionen weniger belastet. Musik, Melodien sind wie beim Vater zum Teil noch lange „da“, im Kopf.
Ob diese Ablagerungen alleine Schuld sind, ist ungewiss. Es gibt auch Untersuchungen, nach denen Menschen mit diesen Eiweiß- oder ähnlichen Ablagerungen nach wie vor geistig fit sind. Andererseits scheint es auch keine Rolle zu spielen, ob man bis vorm endgültigem Ausbruch der Krankheit geistig rege und fit war. Im Prinzip kann jeder betroffen werden. Es gibt in der Literatur zahlreiche Hinweise, auch zu möglichen oder gedachten Ursachen. Da sie nicht endlich geklärt sind, kann man nur von Vermutungen ausgehen. Schließlich sind Menschen mit völlig verschiedenen Lebensläufen hinsichtlich Ernährung, Aufwachsen, Bildung, sportlichen Aktivitäten, niedriger und hoher Geistesaktivitäten, übergewichtige und schlanke Menschen betroffen. Zum Teil beginnt die Krankheit heute auch schon Ende der 40er-Lebensjahre und schreitet voran. Mit zunehmendem Alter scheint Alzheimer vermehrt aufzutreten. Aber, zum Glück, sind längst nicht alle betroffen.
Die genauen Ursachen und Abläufe sind bis heute nicht richtig bekannt. Das ist auch der Grund, warum es zurzeit keine Arzneimittel gibt, mit denen die Krankheit geheilt werden kann. Im Frühstadium werden Medikamente eingesetzt, die den Verlauf verzögern sollen.
Für die Wissenschaft und Forschung gibt es diesbezüglich viel Arbeit, die Zusammenhänge erkennen und verstehen zu können und die richtigen Ansätze zu finden, die eine Therapie ermöglichen. Die derzeitige Situation ist so, dass weltweit mit einer steigenden Zahl von Erkrankungen gerechnet wird.
Wie bei einem Koma ist nach den hiesigen Erfahrungen auch gar nicht bekannt, was in Sachen Erinnerung, Erkennen, Regungen usw. noch ganz oder in Resten vorhanden ist, weil sich Betroffene meist nicht mehr oder nicht mehr richtig artikulieren können.
Betroffene bzw. deren Angehörige finden mehr auf den Seiten der Deutschen Alzheimergesellschaft

In vielen Orten gibt es Vereine oder Arbeitskreise zum Thema.  

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